Sendemasten-Wutbürger der ersten Stunde

Nachruf: Geschichte und Wirkung eines gewesenen hessischen Vereins gegen Mobilfunk

Die Nachricht vom 4. Januar 2012 kam nicht unerwartet. Der „Hessische Landesverband mobilfunksenderfreie Wohngebiete“ (HLV) löst sich auf. Seit geraumer Zeit schon waren die Mitteilungen aus dem HLV nur mehr pflichtschuldig, nicht mehr im Geiste des Eifers der Anfangsjahre, herausgetröpfelt. Die Anzahl der Mitgliedsinitiativen in den Kommunen des Hessenlands schwand. Nach der Gründung eines Hessenverbandes des mobilfunkkritischen Netzwerks Diagnose-Funk wurde die Kapitulation des HLV stündlich erwartet.  Zwar feiert der verblichene HLV in seiner Abschiedsmitteilung noch einmal den „Zusammenschluss“ beider Organisationen, doch der Euphemismus kann nicht darüber hinwegtäuschen: Diagnose-Funk kam, und der HLV musste verschwinden. Und wir meinen, bei Betrachtung der Bilanz des HLV es ist auch nicht schade um ihn. Eine Diskussion, die zum Nachruf geriet (05.01.2012).

Alarm, Mobilfunk! Typische Schlagzeilen, wie sie mit den HLV-Infos jahrelang verbreitet wurden.Hessen, Deutschland – Im idealen Fall bildet der Name einer Organisation deren Anspruch und Ziele ab – eindeutig, unverwechselbar. Den Gründern des Vereins „Hessischer Landesverband mobilfunksenderfreie Wohngebiete e.V.” (HLV) wird dies vor rund zehn Jahren bewusst gewesen sein. Obwohl sperrig getextet, wurde die Vereinsbezeichnung zum Programm. Gleichwohl barg der ausführliche Name von Beginn an einen inneren Widerspruch in sich, den der Fachmann schon bei oberflächlicher Beschau leicht zu erkennen vermochte. Doch der Reihe nach.

Zu Anfang des neuen Jahrtausends war der "Hessische Landesverband mobilfunksenderfreie Wohngebiete (HLV)" aus der Taufe gehoben worden. Die Gründung des HLV war eine Folge des besonders umtriebigen Engagements einiger v.a. in den Kommunen Bruchköbel, Gründau und Schwalbach aktiver Sendemastengegner. Der in manchen Gemeinden entbrannte Kampf gegen die Mobilfunkmasten sollte auf höherer Ebene vernetzt werden. Das rasant wachsende Internet, so hatte man damals erkannt, würde bei dieser Mission gute Dienste leisten können.

Der HLV wurde zum Unikum in der Mobilfunkkritikerbewegung. Pendants zum „hessischen“ Landesverband, etwa in Gestalt eines bayerischen, nordrhein-westfälischen oder berlinerischen Verbandes mobilfunksenderfreie Wohngebiete bildeten sich nicht. Die Bewegung geriet ins Stocken. Das mag damit zusammenhängen, dass der kurze Sommer der massenhaften Sendemastengegnerschaft, kaum hatte er begonnen, schon bald wieder vorüber war. Spätestens ab 2006 wurden die Anlässe für frische lokale Aufregungen seltener, das Gros der Standorte war festgelegt. Bevor sich die „Bewegung“ also von Süddeutschland her nach Norden auszubreiten vermochte, war die Party schon wieder vorüber.

Viele der frühen Initiativen sind inzwischen sanft entschlafen – nicht zuletzt deshalb, weil sich die eifrig verkündeten Prophezeiungen aus der Szene, in Deutschland werde wegen des Mobilfunks die Zahl der Krebsneuerkrankungen zunehmen, es werde gar eine (von der Regierung tolerierte) Epidemie und Sterbewelle einsetzen, nicht bewahrheitet haben [1].

Der Anspruch, ein „Hessischer Landesverband mobilfunksenderfreie Wohngebiete e.V.“ vertrete die hessischen Initiativen gegen Mobilfunksender, war für Außenstehende kaum je überprüfbar. Der HLV legitimierte sich nicht erkennbar, etwa durch eine öffentlich einsehbare Liste seiner angeblichen Mitgliedsinitiativen. Wohl mangels Masse war man irgendwann dazu übergegangen, sich auch rheinland-pfälzischen und nordbayerischen Initiativen zu öffnen. Wahrscheinlich ist, dass sich die Mitgliederliste bereits seit 2006 zunehmend in eine

Massenepidemie fiel aus

Krankheiten, Epidemie, Krebs, Tod: Die Mitteilungen des HLV malten immer wieder ein apokalyptisches Bild von einem Deutschland im Griff der Mobilfunkindustrie. Statt aber ein Massensterben zu beklagen, weisen die Medien inzwischen unisono auf das genaue Gegenteil, nämlich auf eine Überalterung der Bevölkerung hin. Die durchschnittliche Lebenserwartung im Land steigt an. „Berücksichtigt man, dass die Menschen heute im Durchschnitt viel älter als noch vor 20 Jahren werden, so ist die altersstandardisierte Krebssterblichkeit in Deutschland rückläufig“, so formulierte es das DKFZ im März 2010 [2]; s.a. [2a]. Die bekannteste, internationale Langzeitstudie „Interphone“ bestätigte die düsteren Befürchtungen ebenfalls nicht; genausowenig wie eine neuere Metastudie [3] – wenn auch Wissenschaftler aufgrund (noch) fehlender Ist-Daten ein mögliches Risiko für den Gebrauch von Handys ab dem Kindesalter einräumen müssen. Die gute wissenschaftliche Pflicht und Praxis, statistische Restrisiken nicht hinwegzutünchen, sondern wiederum als Ansatz für weitergehende Forschung zu begreifen, gerann im Verständnis der Mobilfunkkritiker jedoch erst recht zu einem angeblichen „Eingeständnis“ von Wissenschaft und Politik, es werde verharmlosend mit dem Thema umgegangen.

Karteileichensammlung verwandelt hat, denn die Stimmen der Initiativen im Land wurden immer spärlicher. Für hessische Bürger ist „Mobilfunkkritik“ heute ein kaum noch wahrgenommenes Randthema.

Die Außendarstellung des  HLV funktionierte von Beginn an in der Form eines penetrant mahnenden Newsletters („HLV-Info“). Dieser Dienst, so wurde soeben mitgeteilt, wird eingestellt. Die „Infos“ bestanden über lange Jahre hinweg aus zusammengetragenen Zeitungs- und Onlineartikeln sowie Szenemeldungs-Einsprengseln. Medienmeldungen selektierte man offensichtlich gezielt auf das darin enthaltene Alarmpotential. Auch mit empörter Polemik gegen Wissenschaftler und Personen des öffentlichen Lebens geizte man nicht. Durch die zeitweilig inflationäre Veröffentlichungsfrequenz entstand ein steter Strom alarmistischer „Informationen“. Das Lesen der Elaborate vermochte unbedarfte Leser in Angst und Schrecken zu versetzen, wenn es dort etwa über die „Verstrahlung von Schülern“ [4] herging, wenn vor einem „Mobilfunkturm des Todes“ [5] gewarnt wurde oder „Immer mehr missgebildete Tiere in bestrahltem Dorf“ [6] offenbar endzeitliche Stimmung beim Leser auslösen sollten. Auch wurden die für die Szene charakteristischen Aufrufe kommuniziert, öffentliche Stellen unter Druck zu setzen („Bitte reagieren Sie mit einem Leserbrief auf dieses Unwissen eines Bürgermeisters“ [8]). Und in letzter Zeit war der kommende Behördenfunk BOS zum bevorzugten Schreckgespenst avanciert [7].

Mindestens in den Kommunen Bad Schwalbach und Bruchköbel wurden darüber hinaus sogar dilettantische, selbst fabrizierte Fragebögen verbreitet. Das wollte wohl den Eindruck erzeugen, man betreibe eine „epidemiologische“ Erhebung. Das primäre Ziel dürfte jedoch gewesen sein, Bürger in Ängste zu versetzen. Irgendwelche überprüfbare Daten oder gar wissenschaftlich überwachte Detailauswertungen – der Teil also, den man einer vorgeblich epidemiologischen Studie berechtigt abfordern darf – sind aus den erwähnten Aktionen nicht bekannt geworden [9], [10].

Der offensichtliche Mangel an Daten und überprüfbaren Fakten hielt die HLV-Macher nicht davon ab, seriöse wissenschaftliche und gesellschaftspolitische Arbeit zu verballhornen: Massenphänomene wie Stress, Erschöpfung, Burnout, Tinnitus (etwa als Folge der Arbeitsverdichtung), ADHS bei Kindern, Umweltprobleme, Gewalt in der Gesellschaft fanden sich in den Veröffentlichungen des HLV in absurd monokausaler Argumentation aus den laufenden gesellschaftlichen Diskursen herausgerissen. Sie wirkten in den „Infos“ willkürlich dem Grundübel „Mobilfunk“ zugemünzt. In diesem Zusammenhang erhielten folglich auch Hinweise auf die aus jedem rationalen Bezug herausgefallenen Falldarstellungen der Bamberger Mobilfunkkritikerin Dr. C. Waldmann-Selsam ihren selbstverständlichen Raum [11].

Weil eine solche Form vorgeblicher Volksaufklärung keine rationale Basis hat, musste sie sich zwangsläufig mit verschwörungstheoretischem Arsenal aufplustern. Leider bekamen sogar Anklänge an braune Ideologie in den HLV-Infos ihren Platz.So schreckte man nicht davor zurück, sendemast_hessenschon bei oberflächlicher Betrachtung wirr anmutende, verschwörungstheoretische Hinweise auf angebliche Menschenbestrahlungs- und „Mind Control“-Bestrebungen der Regierung zu verbreiten („Verbrechen“, [12]). Ebenso folgerichtig versorgten die „HLV-Infos“ ihre Leser gerne auch mal mit zitierten Intermezzi, deren aggressive Wortwahl, Geisteshaltung und Feindbildfixierung man dem braunen Sumpf zuordnen kann: „Es scheint für Deutschland die Todesstunde anzubrechen. In dieses morsche Gebilde, welche künstlich morsch gemacht wurde (Kohl ein Landesverräter und Frau Merkel mit) brechen britische und amerikanische Kapital- und Machtkreise heuschreckenartig ein. Deutschland wird übernommen. (...) Deutschland ganz besonders war trojanisiert worden – schon über Werkzeuge wie das ECHELON-System (ein Ablauschwerkzeug von Briten und Amerikanern)“ [13].

So trat an die Stelle ernsthafter Beschäftigung mit gesellschaftlichen und staatspolitischen Fragen eine letztlich paranoid anmutende Darstellung der gesellschaftlichen Verhältnisse. Solch augenfälliger, vulgärer Kulturpessimismus ist indes nicht neu. Verschwörungstheoretische Absurditäten werden in den esoterischen und rechtsextremen Ecken schon seit eh und je durchdekliniert.

Demgegenüber hat man beim HLV eigene, wertige Inhalte, etwa in Form eigener Analysen, Fachartikel oder fundierter Diskussionsbeiträge, auch nach nahezu einem Jahrzehnt mobilfunkkritischer Aktivität nicht erkennbar vorzuweisen. Der Löwenanteil der textlichen Menge in den „HLV-Infos“ entstammte fremden Federn. Man kann diesen Umstand als Hinweis darauf werten, dass es im HLV bis zum Schluß sicherlich um manches bestellt gewesen sein mag, aber jedenfalls nicht um fachliche Expertise. Der „Hessische Landesverband mobilfunksenderfreie Wohngebiete e.V.“ war diesbezüglich eine – im wahren Wortsinne – buchstäblich leere Hülle.

Und doch stach vor einiger Zeit noch einmal eine Veröffentlichung hervor, die auf einer Homepage der Bündnis90/Grünen in Fulda zugänglich gemacht wurde [15]. Dieser Text stellt vor dem Hintergrund der oben beschriebenen Theoriearmut in den Publikationen des HLV einen kaum noch erhofften Lichtblick dar – geschrieben wurde er offensichtlich, um die Fuldaer GRÜNEN auf die Seite der Alarmkritiker zu ziehen. Bislang war der auf 2010 datierte Beitrag nicht auf der HLV-Homepage zu finden, gleichwohl immerhin von einem Mitglied des HLV verfaßt: von Markus Hofmann, der nun zusammen mit seinem Vereinskollegen Klaus Böckner als Vorstandsmitglied des Hessenverbandes von Diagnose-Funk genannt wird. Das Papier liefert inhaltlich teilweise frappierend überholten Kenntnisstand, wie er in den aufgeregten Publikationen der frühen Jahre bei vielen mobilfunkkritischen Initiativen Standard gewesen ist. Es präsentiert zahlreiche unwahrscheinliche Interpretationen, die wie Tatsachen dargestellt werden (siehe Beispiele im Kasten). Man kann das Papier getrost wie eine Zusammenfassung der 10-jährigen Publikationsgeschichte des HLV hernehmen.

Die neue Rolle lokaler Mobilfunkgegner-Initiativen

Das Fuldaer Thesenpapier

Viele der im „Plädoyer für eine vorsorgeorientierte Mobilfunkplanung“ (PDF) gezogenen Schlüsse sind falsch. Zwei der szenetypischen Irrtümer seien hier beispielhaft dargestellt – sie bilden die argumentative Sackgasse ab, in der die mobilfunkkritische Bewegung stecken geblieben ist.

So wird behauptet: "Der gesetzliche Grenzwert für Mikrowellenstrahlung liegt bei zehn Millionen Mikrowatt pro Quadratmeter (10.000.000 μW/m²)". Wahr ist vielmehr: es gibt für Mobilfunk mehrere Grenzwerte für mehrere Frequenzen, und treten mehrere Frequenzen gleichzeitig auf, so werden sie in eigens durchzuführenden Rechnungen zueinander relativiert. Und die Wahl möglichst hochauflösender Einheiten („µW“ statt der allgemein verwendeten „mW“) ist eine beliebte Praxis der Übertreibung und Skandalisierung. Denn auch wenn man einen Liter Milch in der Form von einer Million Mikroliter einkaufen würde – es bliebe am Ende doch nur ein einziger Liter, der in den Einkaufskorb wandert.

Eine weitere Behauptung: „Im erweiterten Stadtgebiet und in den Gemeinden .... sind zur Zeit über ... Mobilfunk-Sendeanlagen aktiv. Und es werden ständig mehr.“ Der zitierte Satz ist als mobilfunkkritische Schlüsselformel universell anwendbar, Gemeindename und Anzahl können je nach Ort variieren. Die Darstellung, so sie denn stimmt, würde allerdings bedeuten, dass ein Sendernetz immer dichter wird, die benötigte Sendeleistung je Sender also tendenziell sinkt (kein Senderbetreiber verbringt freiwillig mehr Energie als nötig in die Umgegend). Handys kommen unter solchen Umständen mit geringerer Strahlenemission in Kopfnähe aus, weil sie von nahe stehenden Sender gut empfangen werden. Was also nach Auffassung des Autors negativ sein soll, würde der Forderung des Papiers nach Minimierung der Strahlenbelastung sogar entgegenkommen. Der technische Zusammenhang ist dem Autor des Papiers ganz offenbar nicht geläufig.

Am Ende des Papiers wird ein Glossar geboten, das trotzig auflistet, wie der Mobilfunk den Deutschen zusetzt. Kopfweh bei Kindern, Spermienschädigung, Krebsgefahr und Tumore, auch der längst abgespielte und widerlegte, wenngleich penetrant weiter kolportierte „Hit“ von den angeblichen „Gehirnschädigungen durch die Öffnung der Blut-Hirn-Schranke“ – jeder Schädigungsverdacht bekommt hier noch einmal seinen Raum, es ist ein Friedhof der verwelkten Argumente.

Das Sterben der lokalen Initiativen in Hessen ließ zwangsläufig auch den Mißerfolg des HLV offenbar werden.
Die Bewegung ist erlahmt. Ihr hessischer „Dachverband“ tut allerdings in seiner Auflösungserklärung gerade so, als sei das Gegenteil der Fall, und bezeichnet sich dort sogar in entrückt wirkender Selbstüberschätzung als „eine der erfolgreichsten Zusammenschlüsse hessischer Bürgerinitiativen“ – die man also nun gleichwohl auflöst. Eine Bereitschaft, das eigene Scheitern anzuerkennen oder gar eigene Fehler und fehlgelaufene Strategien öffentlich zu diskutieren, ist nicht feststellbar.

Man scheint im HLV nicht erkennt zu haben, dass sich die Interessenslage bei den Mobilfunkgegnern verschoben hat. Man euphemisiert nebulös von der notwendigen „strategischen Neuausrichtung“ und einer „Europäisierung und der Internationalisierung der vom HLV vertretenen Schutzziele“ – die historische Vorreitermission des hessischen HLV soll jedenfalls nicht der Vergessenheit anheim fallen. Die Wahrheit ist aber wohl schlichter gestrickt: Man musste sich notgedrungen – bei schwindender Mitgliederzahl, mangels vorzeigbarer Erfolge – mit der in Deutschland relativ jungen Organisation Diagnose-Funk und ihrem neuen Hessenverband arrangieren. Für eine inhaltliche Neuausrichtung scheint sich dagegen der Eifer in Grenzen zu halten. Auch Diagnose-Funk setzt bloß fort, was man vom HLV kennt. Man verbreitet Darstellungen rund um den Mobilfunk, die dem unbedarften Leser Angst einzuflößen vermögen. Neu ist immerhin: Diagnose-Funk belässt es von vornherein nicht nur beim Thema Mobilfunk. Aus den Reihen dieser Organisation setzt es z.B. auch mahnende Zeigefinger bezüglich der angeblich bedenklichen Strahlung der Energiesparlampen, oder auch schon mal bezüglich intelligentem, funkgestütztem Management des Stromverbrauchs (Stichwort: Smart Meter) – Umweltschutz hin, Klimawandel her.

Das Auftreten des ursprünglich aus der Schweiz bekannten Interessensverbandes Diagnose-Funk ist ein neues Kapitel in der hessischen Geschichte der Mobilfunkkritik. Der ideologische Antrieb erwächst mit hoher Wahrscheinlichkeit aus einer Verknüpfung gesellschaftlicher Ängste mit sehr konkreten finanziellen Interessen. Verbreitete Ängste vor sogenanntem „Elektrosmog“ sind nämlich gut für die direkten Profiteure der Angst. Zu diesen kann man sogenannte Baubiologen, Planungsberater, Umweltärzte, Hersteller und Verkäufer von angeblich notwendigen Abschirm-Materialien und Rechtsanwälte mit besonderem Geschäftsfeld Mobilfunk-Widerstand zählen. Anbieter auf diesen Geschäftsgebieten lassen sich gerne von lokalen Initiativen zu Bürgerversammlungen einladen, majorisieren inzwischen etwa auch bereits das alljährliche Mainzer Mobilfunk-Symposium des BUND (Bund Umwelt und Naturschutz Deutschland). Unter dem griffigen Signum „Diagnose-Funk“ als vorgebliche Verbraucherorganisation lässt sich vermeintlich seriös auftreten.

Die Mission ist nicht selbstlos. Eine allgemein grassierende Angst vor „Mobilfunk“ und Funk im Allgemeinen ist zwar nicht angezeigt, denn die in den Mobilfunkkritikerkreisen geläufigen Schilderungen über funkinduzierte Krankheiten und Epidemien haben keine reale Basis. Doch ein möglichst weit verbreitetes Unbehagen gegenüber Funk und moderner Technik beschert den selbständigen freien Unternehmern in Sachen „Umwelteinflüsse“ die Hoffnung auf einen ausbaufähigen Markt – und damit auf dauerhaft treue Kundschaft.

Der Physik zum Trotz

Während der fast zehn Jahre seines Wirkens behauptete der „Hessische Landesverband mobilfunksenderfreie Wohngebiete e.V.“, er trete für eine Minimierung der Funkbelastung ein. Das Konzept, das er dazu vorschlug, hat nie funktionieren können. Stellt man nämlich die Sendemasten nach außerhalb der Gemeindegrenzen, müssen sie stärker senden. Noch dazu erhöht sich die mittlere Sendeleistung der Mobiltelefone bei zunehmender Signaldämpfung, also mit zunehmender Distanz zu den Sendemasten. Das Konzept des HLV bedeutete also von Anfang an die bewusste Inkaufnahme erhöhter Strahlung direkt am Kopf der Handynutzer. Diesen Widerspruch hatte man bei Gründung des Verbands nicht verstanden, rannte also mit Eifer der Fata Morgana einer „Strahlenminimierung“ hinterher, die in der Realität gerade das Gegenteil bewirkt.

Ein Eingeständnis dieser Fehlstrategie liefert der HLV auch mit dem Zeitpunkt seiner Auflösung nicht – im Gegenteil muss man vermuten, dass die falsche Strategie mit möglicherweise fatalen Folgen für die Gesundheit mobil telefonierender Menschen nun unter neuem Mantel weiterbetrieben werden soll.

Die Erfolgsbilanz des HLV fällt nach rund 10 Jahren bescheiden aus. Keine hessische Gemeinde hat aufgrund der Ratschläge des HLV eine nachweisliche Minimierung der Strahlenbelastung zustandegebracht. Der mit diesem programmatischen Misserfolg einhergehende Niedergang des HLV, er war indes bereits zum Zeitpunkt der Verbandsgründung angelegt. Er hatte exakt in der Minute seinen Lauf genommen, in der man dem Verband einen Namen verlieh, dessen inhaltliche Umsetzung die Widerlegung geltender physikalischer Gesetze bedeutet hätte. 

Nicht von ungefähr kommt es daher, dass die einschlägige berufliche Klientel zum Unterstützer- oder auch Mitgliederportfolio von Diagnose-Funk und ähnlichen Organisationen gezählt werden kann. Und so wird auch verständlich, warum es im Bereich der Mobilfunkgegner-Organisationen seit einiger Zeit einen Trend weg von den eifernden, eher ideologisch geprägten Laienorganisationen wie dem seitherigen „Hessischen Landesverband mobilfunksenderfreie Wohngebiete“, hin zu straffer und deutlich professioneller auftretenden, sprich marketingfähigen Organisationen gibt [16], [17].

Das Schicksal von lokal aktiven, fachlich unbeschlagenen Bürgerinitiativen, der vormaligen Klientel des HLV also, ist vorgezeichnet. Ihnen ist im Rahmen der Mobilfunkgegner-Bewegung nur mehr die begrenzte Rolle des nützlichen Idioten zugewiesen. Ihre Protagonisten sorgen vor Ort für das beständig öffentliche Alarmlevel und helfen so unfreiwillig, eine fragwürdige Strategie umzusetzen, die auf das Verbreiten von Angstgefühlen als einer Art gesellschaftlicher Selbstverständlichkeit setzt. Angsterfüllte Menschen suchen dann den Weg zum Baubiologen, zum Umweltarzt. Verunsicherte Politiker rufen den „unabhängigen Mobilfunkplaner“, und werfen so das Steuergeld für nutzlose Planungen zum Fenster hinaus. Städte und Gemeinden strengen auf Kosten ihrer steuerzahlenden Bürger sinnlose Klagen gegen Betreiber von Basisstationen an.

Während der letzten Monate seiner Existenz hatte sich der HLV noch in die neuerdings von Diagnose-Funk befeuerte Angstkampagne gegen den kommenden Behördenfunk Tetra/BOS eingestimmt. Die Hoffnung aber, dass sich die hessischen Bürger nunmehr auch noch gegen ihre eigenen Feuerwehren, gegen ihre Sanitätsdienste, Rettungskräfte und Ortspolizeien instrumentalisieren lassen, wird wohl in Hessen nurmehr spärliche Nahrung finden.

Heiner Storch

Quellenangaben (alle Linknachweise Stand 1.11.2011)

[1] „Berücksichtigt man, dass die Menschen heute im Durchschnitt viel älter als noch vor 20 Jahren werden, so ist die altersstandardisierte Krebssterblichkeit in Deutschland rückläufig.“ Quelle:
http://www.krebsinformationsdienst.de/themen/grundlagen/krebsstatistiken.php

[2] http://www.krebsinformationsdienst.de/themen/grundlagen/krebsstatistiken.php

[2a] http://www.mu1.niedersachsen.de/portal/live.php?navigation_id=26237&article_id=88883&_psmand=10

[3] http://onlinelibrary.wiley.com/doi/10.1002/bem.20716/abstract

[4] siehe HLV-Info v. 03.11.2004

[5] siehe HLV-Info v. 01.12.2004

[6] siehe HLV-Info v. 17.11.2005

[7] siehe HLV-Info v. 30.08.2011

[8] siehe HLV-Info v. 09.09.2008

[9] siehe HLV-Info v. 03.11.2005

[10] Fragebogen der Initiative Schwalbach „KEINE MOBILFUNKANLAGEN IN WOHNGEBIETEN“

[11] siehe HLV-Info v. 16.04.2006

[12] siehe HLV-Info v. 17.11.2005

[13] siehe HLV-Info v. 14.09.2005

[14] http://www.hessenbiss.de

[15] Plädoyer der Fuldaer Grünen für eine vorsorgeorientierte Mobilfunkplanung (PDF)

[16] http://www.diagnose-funk.ch

[17] http://www.kompetenzinitiative.de

 

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