Atomdiskussion nur laues Lüftchen:
Entstehungsgeschichte eines Minister-Zitats

“Die aufgeregte Diskussion über die Kernenergie dürfte in Relation zu dem, was uns die Mobilfunknetze noch bescheren werden, nur ein laues Lüftchen sein!” Geht es nach den im Internet zugänglichen Quellen, soll Deutschlands letzter Postminister, Dr. Wolfgang Bötsch, dies 1994 gesagt haben. Mobilfunkgegner sind von dem Zitat heute mehr denn je begeistert. Doch hat der inzwischen wieder als Jurist tätige Bötsch den Satz damals wirklich so gesagt? Und wenn, wie kam er dazu? Das IZgMF hat bei dem Postminister a. D. nachgefragt, und die Hintergründe der prophetischen Äußerung bis ins Jahr 1989 zurück verfolgt (15.03.2011).

Wer das denkwürdige Zitat im Internet sucht, wird es auf den unterschiedlichsten Websites antreffen. Ein bunter Mix tut sich da auf, nicht nur auf den Seiten von Mobilfunkgegnern findet es sich, sondern auch auf kommerziellen Seiten, in Blogs, auf privaten Seiten, dubiosen Seiten, Gesundheitsseiten und, – ja auch dort – in einem Forum mit dem Titel “Bäuerinnentreff”. Darüber, wie sich das Zitat im Laufe der Zeit im Internet verbreitet hat, erfahren Sie weiter unten mehr.

Dunkle Ahnungen eines schwarzen Bundespostministers

“Die aufgeregte Diskussion über die Kernenergie dürfte in Relation zu dem, was uns die Mobilfunknetze noch bescheren werden, nur ein laues Lüftchen sein!”

Dr. Wolfgang Bötsch, 1993, während einer Pressekonferenz in Bonn

Die Vorhersage Bötschs wird bei allen Fundstellen in dem Sinne gebracht, schon zu Beginn der zellularen Mobilfunks habe der damalige Postminster dunkle Ahnungen über einen kometenhaften Aufstieg der Mobilfunkgegner und ihrer Debatte gehabt. Bekräftigt wird diese Deutung hin und wieder durch begleitende Kommentare wie “Aus heutiger Sicht ein unglaubliches Zitat ...” oder “Offenbar ahnte Bundespostminister Wolfgang Boetsch bereits 1994 Übles”. Außerordentlich rar sind jedoch die Begleitinformationen zu dem Zitat, außer der Jahreszahl 1994, die sich als falsch herausstellen sollte, gibt es nur den Hinweis, dass der Satz vor Journalisten auf einer Pressekonferenz gefallen sein soll. Angaben, was den CSU-Mann Bötsch dazu bewogen haben mag und was genau er damit sagen wollte, gibt es nicht. Dies machte uns stutzig. Denn in der Mobilfunkdebatte wird zuweilen mit höchst eigenwilligen Interpretationen argumentiert, auch eine Fälschung des Zitats hielten wir zu Beginn der Recherche für durchaus möglich. Und da sich die Originalquelle des Zitats im www nicht aufspüren lassen wollte, gab es nur einen Weg die Wahrheit heraus zu bekommen: Wir mussten den ehemaligen Postminister finden und befragen.

Bonn, 7.12.1990 - Im Info-Saal des Bundeskanzleramtes unterrichteten die Generalsekretäre  Volker Rühe, CDU, Cornelia Schmalz-Jacobsen, FDP, und Dr. Wolfgang  Bötsch, Vorsitzender der CSU-Landesgruppe, die Presse über den Verlauf der Koalitionsgespräche. Bundesarchiv, B 145 Bild-F086559-0017 / Stutterheim, Christian / CC-BY-SA

IZgMF: Herr Bötsch, im Internet wird behauptet, Sie hätten 1994 gesagt “Die aufgeregte Diskussion über die Kernenergie dürfte in Relation zu dem, was uns die Mobilfunknetze noch bescheren werden, nur ein laues Lüftchen sein”. Stimmt das?

Dr. Wolfgang Bötsch: Das Datum ist falsch. Ich erinnere mich noch genau an den Tag, wann das war. Das war eben nicht 1994, sondern es war am 5. Februar 1993. Da war ich genau zwei Wochen im Amt und gab auf einer Pressekonferenz bekannt, dass die dritte Mobilfunk-Lizenz an E-Plus geht.

IZgMF: Und was ist mit dem Zitat?

Bötsch: Kurz vor dieser Pressekonferenz sind Meldungen über die Presse gelaufen, dass eine 32-Jährige Amerikanerin an Krebs gestorben ist, die offenbar eine sehr umfangreiche Handynutzung hatte, nämlich zehn bis zwölf Stunden am Tag, und die auch noch Vorschädigungen hatte, die ich jetzt aber nicht mehr weiß. Das war damals ein Riesenwirbel. Und da habe ich bei dieser Pressekonferenz eben gesagt, wenn wir die Fragen um die Strahlen beim Mobilfunk – und zwar sowohl bei den Sendemasten als auch beim Gerät selbst – wenn wir die nicht ernst nehmen und die Diskussion mit dem Bürger, nicht wirklich ernst und seriös führen, dann wird das, was in der Kernenergie diskutiert wurde, nur ein laues Lüftchen dagegen gewesen sein.

IZgMF: Sie wurden also vom Fall der krebskranken Amerikanerin zu dem denkwürdigen Satz inspiriert?

Bötsch: Ja, das kann man so sagen. In Deutschland gab es zu diesem Zeitpunkt noch keine große Diskussion, vielleicht am Rande.

IZgMF: Wie reagierte damals die Öffentlichkeit?

Bötsch: Mir ist das Zitat ein bisschen nachgelaufen. Die Industrie hat beklagt, wenn der Minister selber schon ein Mobilfunkgegner ist dann kann das ja nichts werden mit dem Netzausbau. Und Mobilfunkgegner sahen mich als einen der ihren. Für beides kann man mich jedoch nicht in Anspruch nehmen. Meine Prognose ist nach der Pressekonferenz durchaus zitiert aber nicht breit zur Kenntnis genommen worden.

IZgMF: Hand aufs Herz, haben Sie ein Handy?

Bötsch: Ich hab' freilich ein Handy, ich habe sogar noch die gleiche Nummer, die ich im Ministerium hatte. Das damalige Diensthandy muss ich jetzt halt selber bezahlen, aber die Nummer habe ich mitgenommen. Ja, ich habe das sehr genutzt, Wie ich den Dienstwagen bekommen habe, da haben die mir gesagt, sie hätten zum Vergleich ein C-Netz- und ein D-Netz-Autotelefon eingebaut, ich habe also zwei Telefone im Auto gehabt. Das C-Netz-Gerät ist dann irgendwann wieder ausgebaut worden.

IZgMF: Und wie war das 1993, hatten Sie da auch schon ein Handy?

Bötsch: Nein, erst wie ich Minister geworden bin, vorher nicht. Aber warten Sie mal, das weiß ich jetzt nimmer so genau. Als das Zitat gesprochen wurde, da habe ich schon eines gehabt, bekommen bei Dienstantritt. Aber ich bin mir nicht sicher, ob ich vorher in Bundestag schon eins gehabt habe. Ich glaube Nein.

IZgMF: Sehen Sie die Mobilfunktechnik als Meilenstein?

Bötsch: Ich sage immer scherzhaft in den letzten 40 Jahren waren drei Erfindungen von Bedeutung: Erstens, das Farbfernsehen, damit man g'scheit Fussball gucken kann, weil ich doch so ein Fussballnarr bin. Zweitens, alles was mit Internet, Laptop und Handy zu tun hat, diese ganze IT-Geschichte. Und das dritte sind die Rollen an den Koffern! Deswegen sind die Gepäckträger an den Bahnhöfen überflüssig geworden. Ich könnte heute ohne diese Rollen an den Koffern gar nicht mehr reisen, ich bin ja noch immer viel unterwegs.

IZgMF: Herr Bötsch, wir danken Ihnen für das Gespräch.

Bötsch im Interview: Das Zitat ist echt!

Am 14. Januar 2011 bestätigte uns Dr. Wolfgang Bötsch im Interview die Authentizität des Zitats (siehe Textkasten). Der heute 72-Jährige war in der Regierung Kohl als Postminister anstelle des zurück getretenen Schwarz-Schilling für die Abwicklung der Postreform verantwortlich. Bötsch leidet, wie er verschmitzt sagt, noch immer an einem wahnsinnig guten Gedächtnis. Und deshalb kann er sich noch heute genau daran erinnern, was ihn zu seiner Äußerung bewogen hat: Es war der damals von den Medien entfachte Wirbel um den zeitnah geschehenen Krebstod einer jungen Amerikanerin, die ungewöhnlich viel mit dem Handy telefoniert haben soll. Wer aber war diese unglückliche Unbekannte, die einen deutschen Bundesminister zu einer erstaunlichen Prognose inspirierte?

Wir fütterten Suchmaschinen mit allen möglichen Suchbegriffen und Kombinationen, um die Identität der Frau heraus zu finden. Und irgendwann war klar: Es konnte sich nur um Susan Ellen Reynard handeln.

Und dies ist ihre Geschichte.

Wie alles begann ...

Das Unglück beginnt für Susan (Suzy) Ellen Reynard 1989: Ehemann David Raynard überlässt der damals 30-Jährigen im Juli sein Mobiltelefon. Die junge Frau war schwanger geworden und hat deshalb viel zu erzählen, sie nutzt das neue Kommunikationsmittel gerne und intensiv. Doch die Schwangerschaft verläuft nicht reibungslos, es kommt zu unerklärlichen Komplikationen, deren Ursachen mit Laboruntersuchungen nicht zu finden sind. Die Ärzte behandeln auf Toxiämie, eine Form der Blutvergiftung, wie sie bei werdenden Müttern vorkommen kann. Anfang 1990, das Baby ist geboren und sechs Wochen alt, wird bei Suzy wegen anhaltender gesundheitlicher Probleme eine MRT-Untersuchung durchgeführt. Der Befund ist nicht eindeutig, ein leichter Schlaganfall wird vermutet. Eine fatale Fehldiagnose, denn in Wahrheit wuchert im Kopf von Mrs. Reynard ein bösartiger Hirntumor (Gliom). Unbesorgt telefoniert Suzy noch ein ganzes Jahr weiter mit dem Handy. In den ersten Monaten des Jahres 1991 fällt es ihr jedoch zusehends schwerer, Sätze zu formulieren. Das Gliom hat in ihrem Gehirn die Region angegriffen, die fürs Artikulieren von Gedanken zuständig ist. Auch mit dem Kopfrechnen will es jetzt nicht mehr klappen. Und wieder muss die Unglückliche in die MRT-Röhre. Diese zweite Aufnahme lässt keinen Zweifel mehr an der Ursache der Beschwerden, sie zeigt ein großes Gliom, das sich hinter dem linken Ohr entwickelt hat. Ehemann David wird später in ein Mikrofon sagen, er sei beim Betrachten dieser MRT-Aufnahme erstmals auf den Gedanken gekommen, das Mobiltelefon könne etwas mit dem Tumor zu tun haben. Denn dessen Lage in der Aufnahme sei deckungsgleich gewesen mit der Stelle, an der sich die Antenne des Handys beim Telefonieren befunden habe [1].

Bei den Reynards verdichtet sich in der Folgezeit dieser Verdacht, sie glauben, die Strahlung des Handys habe die Geschwulst hervorgerufen oder doch zumindest deren Entstehung und das Wachstum begünstigt. Nachdem die Behandlung des Tumors nicht erfolgreich ist und sich die Prognosen rapide verschlechtern, reicht das Ehepaar im April 1992 vor Gericht Klage ein gegen den Hersteller des Mobiltelefons (NEC America), gegen das Geschäft, das das Gerät verkauft hat und gegen den Mobilfunk-Netzbetreiber. Es ist das erste mal in den USA, dass eine derartige Klage bei Gericht eingeht. Einen Monat später, am 24. Mai 1992, stirbt Suzy Reynard in Madeira Beach (Florida), sie wurde nur 33 Jahre alt [2] – nicht 32, wie Wolfgang Bötsch sich erinnerte – ihr Tumor hat zuletzt die Größe eines Golfballs.

Dr. David Perlmutter, der behandelnde Neurologe, bestärkt den Witwer in dessen Verdacht, das Handy habe etwas mit dem Hirntumor seiner verstorbenen Frau zu tun, indem er belastende klinische Unterlagen vorlegt. Diese bestätigten, dass sich der Tumor hinter dem linken Ohr im unmittelbaren Strahlungsfeld der Handyantenne entwickelt hat. Perlmutter beruft sich auf Studien von Dr. Stephen Cleary, der am Medical College des Bundesstaates Virginia in Richmond arbeitet. Cleary hat zeigen können, dass im Reagenzglas kultivierte Krebszellen unter Einwirkung hochfrequenter Funkfelder zu wachsen anfangen [3].

Der Medienrummel beginnt

Im Januar 1993 lässt das Schicksal von Suzy Reynard ganz Amerika und die Welt aufhorchen. Der in den USA sehr bekannte und beliebte Talkmaster Larry King hat David Reynard und einige Experten in seine TV-Sendung “Larry King Live” eingeladen. Normalerweise arbeitet Larry King in seiner Sendung mehr als ein Thema ab, in der Ausstrahlung vom 23. Januar 1993 aber geht es einzig und allein um die Frage: Können Mobiltelefone Tumore auslösen? Und David Reynard nimmt kein Blatt vor den Mund, er berichtet vor den Kameras was passiert ist, welche Zusammenhänge er sieht und wem er am Tod seiner Frau die Schuld gibt. Millionen beunruhigte Zuschauer sehen die Sendung, der Fall der Suzy Reynard wird über Nachrichtenagenturen weltweit publik gemacht. Sprecher der Industrie können dem blitzartigen Imageverlust anfangs nur hilflos entgegen halten, Mobiltelefone seien ebenso harmlos wie die Luft, die wir atmen. Vergebens, die Schockwellen lassen sich nicht mehr aufhalten, am Schlimmsten treffen sie die Mobilfunkbranche: Unmittelbar nach der TV-Sendung verzeichnen die Börsen für die bekanntesten Telekommunikationsunternehmen herbe Kurseinbrüche, Motorola etwa fallen nach einer Herabstufung durch eine Rating-Agentur um 5,37 $ auf 50,50 $ und einer Welle vorzeitiger Kündigungen von Mobilfunkverträgen schwappt durchs Land. Damals haben etwa 15 Mio. Amerikaner ein Mobiltelefon [4], [5].

Die Industrie bemüht sich um Schadensbegrenzung

Am 29. Januar 1993 trat die Industrie zur Gegenoffensive an. Thomas Wheeler, Chef der “Cellular Telephone & Internet Association” (CTIA), hatte zu einer Pressekonferenz geladen, auf der er sagt, mehr als 10’000 Studien in 40 Jahren hätten keine Belege dafür erbracht, dass es zwischen Mobiltelefonen und Gesundheitsrisiken einen Zusammenhang gäbe. Zugleich kündigt Wheeler an, Mittel für weitere Forschung bereit zu stellen, um der Besorgnis der Öffentlichkeit Rechnung zu tragen. Die Behörde FDA (Food and Drug Administration) könne als neutrale Instanz die Forschung überwachen. Gut vier Monate später, am 16. Juli, macht Wheeler Nägel mit Köpfen: Er kündigt die Einrichtung eines 25 Mio. Dollar schweren WTR-Forschungsprogramms an (Wireless Technology Research), das über fünf Jahre laufen und die Sicherheit von Mobiltelefonen untersuchen soll. Seine Zusage, die FDA könne diese Arbeit kontrollieren, zieht der CTIA-Präsident jedoch zurück [6].

“Die FGF habe aber nicht ich ins Leben gerufen, das war noch Schwarz-Schilling. Aber ich hab’s dann ziemlich forciert. Ich bin da auch ein paarmal hin zu den Tagungen, nicht, um da mit zu diskutieren und große Sprüche zu machen, sondern um zu bekunden, wie wichtig ich deren Arbeit nehme.”

Dr. Wolfgang Bötsch, 14.01.2011, im Gespräch mit dem IZgMF

Zum Leiter des Forschungsprogramms ernennt die CTIA einen Experten, der Erfahrung im Vertuschen hat: Dr. George Carlo. Der Mann hat schon früher anderen Industrien aus ähnlichen Situationen heraus geholfen. So war er mit dem “Chlorine Institute” daran beteiligt, die Gefahren des Dioxins herunter zu spielen, für Philip Morris leitete er eine Studie, die belegt, dass voreingenommene Wissenschaftler dazu neigen, die Gefahren des Passivrauchens zu überschätzen [7]. Stille Erwartungen der Mobilfunkindustrie an Dr. Carlo sollten sich indes nicht erfüllten: Am Schluss des WTR-Programms trat Carlo im Juni 1999 in Long Beach, Kalifornien, auf einem Kolloqium über mögliche Gesundheitsrisiken von Mobiltelefonen auf, und berichtete, Handys könnten Krebs und andere Gesundheitsschäden verursachen. Bis heute ist nicht klar, ob George Carlo hier seinem Gewissen folgte und Internas seiner Forschung preis gab, oder ob er sich im Auftrag einer anderen Industrie äußerte, für die er zuvor gearbeitet hat (Big Tobacco). Die Tabakindustrie hätte Vorteile davon, wenn sich die Bevölkerung weniger über das Nikotin und Kondensat konsumierter Zigaretten Sorgen macht, als über die “gefährliche” Strahlung von Mobilfunktelefonen und Basisstationen. Seit 1999 weltweit durchgeführte Forschungsprogramme konnten die Behauptungen von Dr. Carlo nicht bestätigen. Eine auf lange Laufzeit ausgelegte sehr große (gut 400’000 Teilnehmer) Krebsstudie in Dänemark erbrachte bislang keine Hinweise darauf, dass der Gebrauch von Handys tatsächlich mit einem höheren Krebsrisiko erkauft wird [8]. Die CTIA will von dem Forschungsprogramm, mit dem sie aus ihrer Sicht Millionen in den Sand setzte, heute nichts mehr wissen: Wer auf der CTIA-Website nach dem Programmkürzel WTR sucht, geht leer aus.

Drei Jahre nach Suzys Tod kommt es vor Gericht zum Finale

Das Ende der Geschichte findet ganz unspektakulär 1995 statt: Die Klage von David Reynard wird vor Gericht abgewiesen. Dem Kläger war es nicht gelungen, den Zusammenhang zwischen dem Handygebrauch und dem Hirntumor seiner Frau wissenschaftlich hinreichend belastbar zu belegen [9]. Von der Verteidigung aufgebotene Experten sagten aus, die von der Anklage vorgelegten Beweise wären lediglich wilde Spekulationen, “Junk Science" und pervertierte Wissenschaft, die sich als seriöse Wissenschaft ausgäbe [10]. Am 9. August 2000 tritt David Reynard noch einmal bei Larry King auf. Er glaubt noch immer an einen Zusammenhang zwischen Funkfeldern und Gesundheitsschäden, immerhin hätten sogar von der Industrie finanzierte Studien biologische Effekte gefunden. Doch was besagt dies schon, wenn völlig unklar ist, ob ein solcher biologischer Effekt der Gesundheit schadet, ihr nutzt oder einfach nur bedeutungslos ist? Reynard erreicht mit der zweiten Sendung bei weitem nicht mehr die Aufmerksamkeit, die ihm 1993 zuteil wurde. Mag sein auch deshalb, weil er sich in der Sendung als Funkamateur zu erkennen gibt, und zwanglos davon spricht, selber ein Handy zu besitzen und zu benutzen [11].

Trotz des Scheiterns von David Reynard probierte es 2000 der Neurologe Christopher Newman vor dem Gericht in Baltimore, Maryland, noch einmal. Der 41-Jährige verklagt nicht weniger als sieben Unternehmen aus der Mobilfunkbranche, darunter auch Motorola, auf 800 Mio. Dollar Schadenersatz. Er behauptet, sechs Jahre Telefonieren mit einem Mobiltelefon hätte bei ihm zu einem bösartigen Hirntumor geführt. Eine Bundesrichterin wies auch diese Klage wegen mangelnder Aussagekraft der vom Kläger vorgelegten Beweise ab [12].

Spuren des Bötsch-Zitats im Internet

Im Jahr 2000 kannte nur eine einzige Website das Bötsch-Zitat , 2011 waren es bereits 113. Allein im Jahr 2010 kamen rund 90 Treffer hinzuAls erster will der Baubiologe Wolfgang Maes das Bötsch-Zitat aufgegriffen haben, anlässlich seines Vortrags “Elektrosmog – nur Panikmache?”, den er eigenen Angaben zufolge erstmals am 10. Januar 1994 bei einer Anhörung vor den Baden-Württembergischen Landtag gehalten hat. Eine unabhängige Bestätigung dafür ist im Internet jedoch nicht zu finden. Maes ist in der Anti-Mobilfunkszene bekannt für seine Zitatsammlungen, mit denen er die Mobilfunkdebatte seit Jahren befeuert. Szenefrische Mobilfunkgegner sind von diesen Zitaten besonders angetan.

Allerdings konnte Maes der unzulässig “ungezwungene” Umgang mit einem der Zitate nachgewiesen werden, seither lastet der Vorwurf der vorsätzlichen Zitatfälschung auf ihm. Geschadet hat ihm dies in keiner Weise: Öko-Test führt ihn weiterhin als EMF-Berater, der BUND lädt ihn im Mai 2011 zu einem Vortrag und rühmt ihn als “Vater der baubiologischen Messtechnik”.

Erst im Jahr 2000 ist das Zitat des Ministers erstmals aktenkundig bei Google belegt, Schülerinnen einer neunten Klasse der Agnes-Bernauer-Realschule, Augsburg, hatten es seinerzeit bei Recherchen für eine Physik-Projektarbeit entdeckt. Eher gemächlich breitete es sich in den Folgejahren aus, noch 2009 fand sich Bötschs dunkle Ahnung erst auf etwa 23 Websites, das Gros stellen Seiten von Mobilfunkgegnern, Bürgerinitiativen und gesellschaftlichen Exoten. Innerhalb nur eines Jahres aber sprang die Anzahl der Treffer bei Google um knapp 90 nach oben auf etwa 112 Websites Ende 2010.

Kleine Ursache, große Wirkung

Was war geschehen? Der Kommerz betrat die Bühne! Eine Firma mit Sitz in Langenfeld hatte am 21.12.2010 eine Presse-Information über ein neues Produkt herausgegeben – mit dem Bötsch-Zitat als Aufhänger. Da das Produkt der (boomenden) Esoterik zuzuordnen ist, und diese Branche eine starke Vernetzung pflegt, um sich gegenseitig zu fördern, gehen allein rund 50 der neuen Google-Treffer des Jahre 2010 auf diese eine Presse-Information zurück.

Der Rest des starken Anstiegs geht aufs Konto einer zweite Meldung, die bereits im September 2010 durchs Netz gejagt wurde: DECT-Telefone und Handys erzeugen Krebs. Dabei geht es um ein Gerichtsurteil (Italien, Brescia), das einem Kläger Recht gibt, der angeblich wegen intensiver Handy-Nutzung einen Hirntumor erlitten hat und deshalb um eine Berufsunfähigkeitsrente stritt. Das Minister-Zitat ist in dieser Meldung nicht der Aufhänger, sondern wird am Schluss der Meldung eher als Dessert gereicht. Der Urheber der Meldung ist anonym, er ist im Umfeld der “Bürgerwelle” und des szenebekannten Dr. J. Mutter zu suchen. Die starke Verbreitung erledigten diesmal nicht ein rein kommerziell ausgerichtetes Netzwerk, sondern das Netzwerk der Mobilfunkgegner, das allerdings mit mehr oder weniger verdeckt daran teilnehmenden Baubiologen etc. ebenfalls einen kommerziell orientierten Zweig hat.

Nur zwei Vorkommnisse waren 2010 also für den plötzlichen Boom des Zitats verantwortlich. Diese wundersame Vermehrung beruht auf der Anwendung des inzwischen geadelten Copy-Paste-Verfahrens. Doch diese Methode ist riskant: Denn wenn über viele Jahre hinweg einer vom anderen ungeprüft nur abschreibt, können Fehler eine enorme Verbreitung finden, und beispielsweise den Rhein höchst glaubhaft 90 Kilometer länger machen, als er tatsächlich ist. Im Fall des Bötsch-Zitats müssen keine Lexika und Schulbücher umgeschrieben werden, die ausnahmslos falsch wiedergegebene Jahreszahl 1994 (statt 1993) zeigt vielmehr eine der wichtigsten Ursachen fürs Kranken der Mobilfunkdebatte: nämlich unreflektiertes und unkritisches Weiterverbreiten von Meldungen aus dubiosen Quellen.

Richtig googlen

Wer ins Suchfeld von Google das Zitat einträgt, bekommt auf der ersten Seite der Trefferliste eine Anzahl Treffer genannt, die, weil viel zu hoch, mit den tatsächlichen Treffern nicht viel gemein hat. Wer die wahre Anzahl erfahren möchte muss die letzte Seite der Trefferliste aufsuchen, gegenwärtig ist dies Seite 15. Dort wird dann oben mit 146 Treffern (Stand: 8. März 2011) Klartext geredet. Von diesen Treffern haben wir ungefähr 30 nicht gewertet weil es entweder Doubletten sind, die Seite im www nicht zu finden war oder das Datum des Treffers im Verborgenen blieb. Das Datum war uns wichtig, weil wir die zeitliche Entwicklung des Minister-Zitats verfolgen wollten. Wir haben dies letztlich mit einer manuellen Auswertung aller Treffer gemacht. Denn leider erwies sich die von Google unter “Zeitraum festlegen” angebotene zeitlich eingegrenzte Suche als launisch und widersprüchlich.

Eine mit Stichworten des Zitats gefütterte Metasuchmaschine brachte einige zusätzliche, von Google nicht gefundene Ergebnisse hervor, die wir jedoch wegen fehlender Datumsinformation nicht mit in die Auswertung aufnahmen.

Quellen

[1] http://business.highbeam.com/438331/article-1G1-13863495/curing-cellular-health-scare

[2] http://www.rootsweb.ancestry.com/%7Eflpgs/stpobits/flobits-p098.html

[3] http://www.worldhealth.net/pdf/Cellphone_MedicalMenaces_RV2009.pdf

[4] Carlo G, Schram M, Cell Phones, Inivisible Hazards in the Wireless Age, 2001, Carroll & Graf Publishers, Seite 7

[5] http://www.democracynow.org/1999/12/9/special_on_cell_phones_are_they

[6] http://www.sun-sentinel.com/sfl-ochrono02oct02,0,5269055.story

[7] Motorola & Cell Phone Radiation, Management & Strategy 450, Strategy in Nonmarkets Final Paper

[8] http://jnci.oxfordjournals.org/content/93/3/166.full

[9] http://journal.media-culture.org.au/0106/cell.php

[10] http://journal.media-culture.org.au/0106/cell.php

[11] http://transcripts.cnn.com/TRANSCRIPTS/0008/09/lkl.00.html

[12] Hall D, Grove Hall S, American Icons, 2006, Greenwood Press, Seite 131

 

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