Erkranken in Gemeinden mit höherer Senderdichte mehr Menschen an Krebs als in Gemeinden mit niedriger Senderdichte? Dieser nahe liegenden Frage ging das Bevölkerungsbezogene Krebsregister Bayern in einer Studie nach, in der die Krebsstatistiken und die Senderdichte von 48 bayerischen Gemeinden in Zusammenhang gebracht wurden. Im Gegensatz zur Naila-Studie findet die Studie des Krebsregisters jedoch keine Hinweise, dass mit steigender Senderdichte auch die Anzahl der Krebserkrankungen in den betroffenen Gemeinden zunimmt.
Keine Angst vor dem SIRUnter Inzidenz versteht man die Anzahl oder die Rate von Neuerkrankungen in einem bestimmten Zeitraum (Kalenderjahr), wobei die Inzidenzrate zumeist auf 100 000 Personen bezogen ist. Zur Veranschaulichung, ob es z. B. in einer bestimmten Region mehr oder weniger Neuerkrankungen gibt als im Landesdurchschnitt, wird die normierte Inzidenzrate SIR verwendet (engl.: standardized incidence ratio). Diese drückt das Verhältnis von beobachteten zu erwarteten Erkrankungsfällen aus. Die erwarteten Fälle erhält man durch Multiplikation der Altersgruppe der Bevölkerung der untersuchten Population mit der entsprechenden altersspezifischen Inzidenzrate der Vergleichspopulation, bezogen auf 100 000 Personen. Ein SIR-Wert von 1 bedeutet, dass die Anzahl beobachteter Erkrankungen exakt der Erwartung (Durchschnitt) entspricht. Werte größer 1 bedeuten, dass in der untersuchten Population mehr Fälle auftreten als im Vergleich mit der Erkrankungsrate der gesamten Population zu erwarten wären (Beispiel: SIR = 2 bedeutet doppelt so viele Erkrankungen wie erwartet). In Analogie weisen SIR-Werte unter 1 auf eine niedrigere Erkrankungsrate hin. Quelle: http://info.imsd.uni-mainz.de/Krebsregister/jb98/jb98_k7.html |
Die Studie des Krebsregisters Bayern kann als gezielte Antwort der Epidemiologie auf die viel Aufsehen erregende Naila-Studie gesehen werden. Diese Einschätzung wird plausibel, wenn man sich die Rolle ansieht, die der Leiter des Krebsregisters bei der staatlichen Aufarbeitung der Naila-Studie hat.
Kurzer Blick zurück auf die Naila-Studie
Am 21. Juli 2004 schlug die Vorstellung der Nailaer Ärztestudie in der Frankenhalle zu Naila wie eine Bombe ein: Die Studie ergab, dass sich der Anteil von neu aufgetretenen Krebsfällen bei Patienten, die während der letzten zehn Jahre in einem Abstand bis zu 400 Meter um eine seit 1993 betriebene Mobilfunksendeanlage gewohnt hatten, gegenüber weiter weg Wohnenden im Gesamtzeitraum von 1994 bis 2004 verdoppelt und in der Zeit von 1999 bis 2004 sogar verdreifacht hat. Unter den etwa 300 Teilnehmern der Veranstaltung in der 8 500 Einwohner zählenden oberfränkischen Stadt waren auch viele Behördenvertreter, darunter Dr. rer. biol. hum. Martin Meyer. Der Diplominformatiker ist Leiter der Registerstelle des Bevölkerungsbezogenen Krebsregisters Bayern mit Sitz in Erlangen. Er rief in der Frankenhalle die anwesenden Ärzte dazu auf, Krebserkrankungen aus Naila zu melden, damit man nachforschen könne. Der Landkreis Hof hinke mit der Meldung noch etwas hinterher.
Nach Drängen durch Landes- und Bundesbehörden legten die Autoren der Ärztestudie das Manuskript für die Veröffentlichung der Studie im Oktober 2004 zu einem so genannten Fachgespräch bei der Regierung von Oberfranken in Bayreuth vor. Dieses Fachgespräch zeigte, so das Bayerische Landesamt für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit in einer Pressemeldung, dass noch vertiefende Untersuchungen zu offen gebliebenen Fragen erforderlich sind. Auch sollen die Ärzte der Region Naila, eingeschlossen die Autoren der Studie, noch ausstehende Krebsfälle dem bayerischen Krebsregister melden, um eine bessere Bewertungsgrundlage für das Krebsgeschehen in Naila zu erhalten. Einer der Teilnehmer am Naila-Fachgespräch: Dr. Martin Meyer.
Rund ein Jahr später: Anlässlich der gemeinsamen Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Medizinische Informatik, Biometrie und Epidemiologie (gmds) und der Deutschen Arbeitsgemeinschaft für Epidemiologie (dae), die vom 12. bis 15. September 2005, in Freiburg im Breisgau stattfand, stellt Dr. Meyer seine eigene Studie vor “Krebsinzidenz im Umkreis von Mobilfunkbasisstationen”, die die Beobachtungen aus Naila nicht bestätigt.
Kommentarmöglichkeit am Fuß der Seite
Wir bieten Ihnen nachfolgend im gelb unterlegten Textkasten die Studie des Krebsregisters zur kritischen Durchsicht an. Dazu haben wir den Päsentationstext der Studie von der Website der gmds unverändert übernommen und mit Abbildungen aus dem Präsentationsposter der Studie (PDF, 300 KByte) illustriert.
Die Studie des Krebsregisters dürfte aller Voraussicht nach von Mobilfunkkritikern mit Kompetenzen im Bereich der Epidemiologie nicht unwidersprochen bleiben. So kann z. B. einer den Verdacht hegen, die große SIR-Schwankungsbreite bei den unbelasteten Gemeinden sei durch gezielte Auswahl einiger Gemeinden mit anderweitig hoher Krebsrate (z. B. Asbestfolgen) zustandegekommen. Unklar ist auch, warum ausgerechnet die Gemeinde Naila in der Studie offensichtlich keine Berücksichtigung fand. Wer sich zu der Studie äußern möchte, kann dies am Fuß der Seite mit der dort angebotenen Kommentareingabe machen (04.12.05-ll).
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Karl: Wer ist Auftraggeber dieser Studie?
(05.12.2005, 15:36 Uhr)
KlaKla: Meines Wissen arbeiten Sender auf dem Land mit höherer Sendeleistung als die in der Stadt.
- Die Immission kann bei 200 m Entfernung im Hauptstrahl auf dem Land viel höher sein als bei 200 m Entfernung im Hauptstrahl in der Stadt. Ich sehe es als Falsch an, wenn man nur die Entfernung als Faktor nimmt. Da die Immission von vielen unterschiedlichen Parametern abhängig ist(Sendeleistung, Hauptstrahl, Neigungswinkel, Frei oder Fernfeld, Bebauung, Toposgrafische Lage etc.). Gerade die Immission ist von Bedeutung. Die krassen Beispiele, Familie Kind, Familie Bücher und Bautzener Landgericht hatten oder haben überdurchschnittlich hohe Immissionswerte (> 10 mW/m2)im Gebäude.
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- http://www.izgmf.de/scripts/forum/forum_entry.php?id=5097
(06.12.2005, 08:29 Uhr)
Oldie99: Hmmm. hat die Studie nicht einige Schwächen?
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- 1. Kann mir jemand erklären, warum ich fernab vom Sender nach Mobilfunk-typischen Tumoren durch Dauerbelastung suche, wenn doch die großen und bekannten Krebscluster (in Spanien z.B.) immer im Nahbereich von Sendmasten lagen?
- Auch in Naila fand man die überproportionale Häufung im 400 m Kreis.
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- 2. Bei größeren Entfernungen zwischen Sender und Handy wie in der Studie muss die Handy-Sendeleistung hochgefahren werden, was
- also eine extreme Belastung des Kopfes bedeutet. Es sollte doch heute jeder
- wissen, dass die Grenzwerte der 26. BImSchV am Kopf deshalb nicht herangezogen werden,
- weil dort die Grenzwerte partiell am Ohr u.U. um den Faktor 100 übertroffen werden können.
- Deshalb hat man ja den SAR-Wert kreiert. Wenn die Autoren also von niedriger Belastung sprechen, so ist dies nur für Leistungsfluß- anteile durch Sender zutreffend.
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- Kann mir nun jemand erklären, welchen Wert die Studie haben soll, wenn genau die personen- bezogenen Immissionswerte (hauptsächlich also Handy-Anteile) nicht ermittelt wurden?
- Gab es da nicht den Witz, dass ein Besoffener seinen Autoschlüssel unter der Laterne suchte, weil es da schön hell ist?
(06.12.2005, 18:26 Uhr)
dlsasv: Gegenüber der "Naila-Studie" ist es zunächst eine Stärke, dass diese Studie 25-mal gößer ist. Die Frage ist allerdings, ob das ausreicht, die gegenüber der Naila-Studie noch größere Ungenauigkeit des Expositionsmaßes - was dort schon kritisiert wurde - auszugleichen. Wenn der Wert "0,15" der Senderdichte in den als am stärksten bestrahlt eingestuften Gemeinden bedeuten soll, dass dort etwa 15% der Einwohner seit fünf Jahren im 400m-Innenbereich eines Mobilfunksenders gelebt haben, wäre das recht schwach: Selbst wenn man den Naila-Ergebnissen glaubt, wäre dann nur eine um 40% erhöhte Krebsrate zu erwarten.
- "Wegen ... können mit dem beschriebenen Verfahren zum aktuellen Zeitpunkt noch keine sehr feinen Unterschiede in der Krebshäufigkeit entdeckt werden." -- Es lässt sich berechnen, wie groß Unterschiede sein müssten, um unter den Studienbedingungen mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit entdeckt zu werden. Das sollte bei jeder guten Studie gemacht werden, gerade wenn es darum geht, etwas zu widerlegen.
(08.12.2005, 22:36 Uhr)
Rubbishremover: Die Senderdichte sagt nix aus, schreibt Schutti im izgmf-Forum, je dichter die Sender stehen desto weniger Sendeleistung brauchen sie!
(08.12.2005, 23:05 Uhr)
Fay: Ist es überhaupt noch möglich, kritisiert Fee im izgmf-Forum, durch epidemiologische Studien etwas zu beweisen, wenn in vielen Haushalten starke andere Elektrosmogquellen wirken wie niederfrequente Belastungen, DECT oder WLAN (eigene und von Nachbarn)? Da müsste bei jeder Person individuelle Dosimetrie gemacht werden.
(08.12.2005, 23:14 Uhr)
Hansestadt Bremen: Eine These: Beide „Befunde“ (EGER/MEYER) liessen sich zusammenbringen in der Annahme, dass ein Anstieg ortsspezifisch kleinräumig und zeitlich in relativ kürzeren Zeiträumen als unterstellt nach Expositionssteigerung erfolgt (vgl. JANDRISOVITS).
- Krebspromotion bei Risikogruppen wäre eine Deutung.
- Daher auch die Notwendigkeit mögliche Langzeitbelastungen durch weitere HF-Quellen (Radio/TV) zu berücksichtigen. Es würde diejenigen „erwischen“, die den Adaptionsstress nicht mehr kompensieren können. Daher wäre zu beachten. ob eine Steigerung anhält oder abebbt.
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- Die sinkende Gesamtinzidenz pauschal als Vergleich heranzuziehen, erscheint auch insofern problematisch, als dies nicht die Grundlage hergibt, zu bewerten, wie die allgemeine Entwicklung ohne eine u. U. vorhandene und einer allgemeinen Abnahme gegenläufige Zunahme der Erkrankungen durch Sender aussehen würde. Ein Ausschlussverfahren stellt diese Vorgehensweise somit nicht dar. Hier rennt der ausschliesslich epidemiologisch-statistische Spürhund seinem eigenen Schwanz hinterher – und solange hat er keinen Sinn dafür, was ihm zur Beendigung dieser Kreisbewegung fehlt: Die Einzelfall-Untersuchung vor Ort als Ergänzung – statt abwarten.
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- Statistik kann abwarten.
- Vorbeugung soll verhindern, dass Menschen einem Erkrankungsrisiko zu lange ausgesetzt zu werden. So lange zu warten, bis dies Risiko mit den hier vorgestellten Methoden ersichtlich wird, kann für etliche Menschen bedeuten, dass Hilfe zu späterals möglich oder womöglich überhaupt zu spät kommt.
- Was gegen das Abwarten spricht, ist die fortdauernd stattfindende eine Vermeldung von Erkrankungen und Symptomen ausserhalb bzw. vor einer Krebserkrankung. Für ernsthafte Prävention wären deren Berücksichtigung unabdingbar.
- Diese Auslassung zeigt die Schwäche der ausschliesslichen Fixierung auf statistische Krebsinzidenz als geeignetes Mittel der Prävention. Hätte man letztere tatsächlich im Sinne, wäre primär nicht die Widerlegung einer mit methodischen Schwächen behafteten ärztlichen Erhebung durch für Vorbeugung ungeeignete statistische Gegenrechnung angesagt, sondern die Verbesserung der Untersuchung durch methodische Unterstützung und Erweiterung der bestehenden Ansätze.
- Es sei den man versteht Vorbeugung in einem ganz anderen Sinne.
(12.12.2005, 23:23 Uhr)
Uwe Dratschke: Was schreibt dazu der Lobbyverein IZMF aus Berlin
- Kein Zusammenhang zwischen erhöhter Senderdicht und Krebserkrankungen
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- Eine größere Dichte von Mobilfunkbasisstationen sorgt nicht für mehr Krebserkrankungen. Das Bevölkerungsbezogene Krebsregister Bayern wollte herausfinden, ob die Gemeinden mit vielen Basisstationen mehr Menschen an Krebs erkranken als in Gemeinden mit wenigen Stationen, und hat in einer Studie die Häufigkeit von Krebserkrankungen und Basisstationen in 48 bayerischen Gemeinden gegenübergestellt. Laut Studie sind die Schwankungen der registrierten Krebsrate auch in Gemeinden groß, in denen keine Mobilfunkstationen installiert sind. Ein Rückschluss auf eine erhöhte Zahl von Krebskranken bei größerer Senderdichte könne daher nicht gezogen werden.
(21.12.2005, 19:36 Uhr)
Christian Toloczyki: Die Studie scheint mir ungeeignet, die Fragestellung befriedigend zu beantworten. Sie ist auf Grund ihres Ansatzes zu verwässert. Vor allem was die tatsächliche Exposition betrifft, ist zu viel Mutmaßung im Spiel. Es wird auch nicht diskutiert, wie groß die tatsächliche Erhöhung des Krebsrisikos durch Mobilfunk sein müsste, damit dies statistisch signifikant aus der Studie hervor ginge. Wenn man die Abbildungen anschaut, kann man zu dem Schluss kommen, dass die SIR-Werte bei den exponierten Standorten im Schnitt eher über 1 liegen, d.h. leichte Erhöhungen der Krebsraten vorhanden sind, allerdings offenbar ohne statistische Signifikanz. Insgesamt meine ich, ein verfehlter Ansatz, der mehr Fragen aufwirft als er Antworten gibt.
(23.12.2005, 16:47 Uhr)
Oszwald: Also ich halte von regionalen Studien nicht viel, denn sie sagen wenig über die EMF-Belastung aus. Die Fragestellung muss lauten: Wer ist erkrankt, wie hoch war die Belastung der letzten Jahre. DECT und W-LAN erhöhen die Belastung in sogenannten unbelasteten Regionen erheblich. Radar ist auch nicht nur direkt am Flughafen zu finden sondern es gibt erhebliche Belastungen auch 20 km entfernt. Solange nicht die tatsächliche Belastung einfließt, ist das sowieso nur schwer zu beurteilen. Es gibt nur eine wirkliche Vergleichsgruppe, die immer seltener zu finden ist: Ohne Handy, ohne Mast, ohne DECT, ohne W-LAN, ohne Radar, minimalste Radio und TV-Belastung. Und bitte nicht direkt neben der Bahnlinie oder unter der Starkstromleitung! Und weil die Vergleichsgruppe immer seltener wird, werden die regionalen SForderung auch mit belastbaren Fakten begründen können. Im Forum vom izgmf habe ich dies bzl. nur eine Antwort erhalten.
- Herr Kamschulte sagt die Gefahr geht von der Pulsung aus. Aber die Refelex-Studie wiederspricht dem. (Beitrag beim izgmf, Intermittierende Strahlung
- ist biologisch wirksamer als Dauerstrahlung) Wer kann die Behauptung von Kamschulte mit Fakten stützen?
- Eine kritische Hinterfragung unserer Behauptungen müssen wir anstreben.
(23.07.2006, 18:47 Uhr)
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