6. Jörn Gutbier vs Alexander Leymann vom BfS (2022) (Allgemein)

H. Lamarr @, München, Mittwoch, 28.06.2023, 00:27 (vor 356 Tagen) @ H. Lamarr

Am 14. Juli 2022 verpetzte Diagnose-Funk in Gestalt von Jörn Gutbier den BfS-Mitarbeiter Alexander Leymann mit einem Offenen Brief bei BfS-Präsidentin Inge Paulini. Leymann habe sich in herabwürdigende Weise über elektrosensible Menschen geäußert, in dem er sie zu Geisteskranken erklärte, schreibt Gutbier und fordert von Paulini eine Stellungnahme bis 31. Juli 2022. Doch das BfS spurte nicht. Erst ließ es den Stuttgarter Verein bis 15. August 2022 zappeln, dann wies das Amt Gutbier zurecht. Hier die Geschichte von einer Mücke, die ein Elefant werden sollte und doch Mücke blieb.

Anlässlich einer großen EMF-Informationsveranstaltung in dem baden-württembergischen Örtchen Herrischried war am 4. Juli 2022 der Physiker Leymann als Vertreter des BfS online zugeschaltet. Im Laufe der Veranstaltung soll Leymann laut Diagnose-Funk gesagt haben:

[...] Aufklärung ist enorm wichtig – und auch Aufklärung der Mediziner, die elektrosensible Menschen behandeln. Das Schicksal dieser Menschen ist wirklich tragisch, weil Sie von einem Geist verfolgt werden. Weil die Leiden dieser Menschen nicht von den elektromagnetischen Feldern hervorgerufen werden, sondern von anderen Ursachen. Es geht darum, die Mediziner aufzuklären, dass sie die Ursachen abklären und nach anderen Erkrankungen oder sonstigen Problemen, die diese Menschen haben, suchen und auch aufklären und nicht Geistern hinterherjagen. [...]

Die Äußerung wurde auf der Veranstaltung ruhig aufgenommen, von Tumulten ist nichts bekann, ein Medienbericht erwähnt sie nicht einmal am Rande. Doch Leymann hatte mit seinen Worten einen Zeitzünder bei Reinhard Lang gestartet. Der bekennende "Elektrosensible" und ehemalige Gemeindereferent von Herrischried brauchte allerdings geraume Zeit, um sich über die Worte des Physikers in Rage zu bringen. Am 12. Juli 2022 empörte er sich in der Badischen Zeitung:

[...] Mit dieser völlig unwissenschaftlichen Aussage, zu der sich wohlgemerkt ein Physiker erdreistete, verriet er als Vertreter einer staatlichen Behörde seine abgrundtiefe Respektlosigkeit und Verkennung gegenüber all den Patienten, deren durch den ungebremsten Ausbau des Mobilfunks ausgelöstes Leiden von Umweltärzten seit Jahrzehnten als Multisystemerkrankung genauestens dokumentiert wird.

Bis zu diesem Zeitpunkt hatte Gutbier, der am 4. Juli in Herrischried ebenfalls zugegen war, Leymann nicht ins Visier genommen. Aufgeschreckt vom Bersten Langs in der Badischen legte er nun noch eine Schippe drauf und schrieb am 14. Juli der BfS-Präsidentin einen Offenen Brief, der es wirklich verdient hätte, von Schulen als Musterbeispiel für misslungenen Populismus in den Lehrstoff aufgenommen zu werden:

Sehr geehrte Frau Dr. Paulini,

auf einer Einwohnerversammlung in Herrischried am 04.07.2022 äußerte sich Ihr Mitarbeiter Dr. Leymann auf herabwürdigende Weise über elektrosensible Menschen, in dem er sie zu Geisteskranken erklärte. Er sagte:
[...]
Dass betroffene Menschen, die gleichzeitig Kritiker der Mobilfunkpolitik sind, zu Geisteskranken erklärt werden, erinnert an Praktiken totalitärer Staaten. Kein in der Psychiatrie Beschäftigter würde die ihm anvertrauten wirklich gehandicapten Klienten als „geisteskrank“ stigmatisieren. Es war z.B. in der DDR Praxis, dass unliebsame BürgerInnen zu Geisteskranken erklärt und in geschlossene Abteilungen der Psychiatrie eingeliefert wurden. Im Mittelalter wurde so mit angeblichen Hexen verfahren. [...]

Bestimmt kennt auch der Diagnose-Funk-Vorsitzende den Unterschied zwischen Geistern und Geisteskranken. Am 14. Juli aber war ihm dieser entfallen, womöglich, weil er bei seinem schwierigen Versuch der Quadratur des Kreises ein Paar Gläschen Kellergeister zu viel verkostet hatte. Wie dem auch sei, jeder verständige Menschen wird mir wahrscheinlich beipflichten, der mit Populismen gespickte peinliche Brief war von Anfang an zum Scheitern verurteilt. Und so kam es am 15. August 2022 dann auch:

Sehr geehrter Herr Gutbier,

die in Ihrem Offenen Brief vom 14.7.2022 dargestellte Interpretation von Aussagen Herrn Leymanns im Rahmen einer Veranstaltung vom 4.7.2022 macht sich das Bundesamt für Strahlenschutz (BfS) nicht zu eigen. Das BfS nimmt die Leiden sog. elektrosensibler Menschen ernst, forscht seit Jahrzehnten zu diesem Thema und beobachtet und bewertet die internationale Forschung dazu ebenfalls kontinuierlich. Die daraus resultierende Bewertung des BfS, die in Übereinstimmung steht mit Bewertungen der Weltgesundheitsorganisation (WHO) und der Strahlenschutzkommission (SSK), hat Herr Leymann am 4.7.2022 dargelegt.

Ein respektvoller Umgang ist dem BfS sehr wichtig – wie sicherlich auch Ihnen. Wir möchten Sie deshalb unabhängig vom konkreten Fall auffordern, generell auf öffentliche Anwürfe gegen einzelne Mitarbeitende des BfS zu verzichten.

Mit freundlichen Grüßen

Im Auftrag
Christian Raupach
Co-Leitung Kompetenzzentrum EMF – Cottbus

Obacht: Beim ersten Drüberhuschen hatte ich fälschlich gelesen "die Aussagen Herrn Leymanns im Rahmen einer Veranstaltung vom 4.7.2022 macht sich das Bundesamt für Strahlenschutz (BfS) nicht zu eigen." Erst beim zweiten Lesen kam ich an der Textklippe heil vorbei.

Lobenswert ist, Diagnose-Funk hat die Antwort des Amtes nicht unterschlagen. Der Verein hat sie kommentarlos am 19. Oktober 2022, also mit rd. zwei Monaten Verspätung, dem Offenen Brief angefügt. Das wiederum ist nicht lobenswert. Mutmaßlich diente die üppige Verspätung dem Zweck, Gras über die unglückliche Angelegenheit wachsen lassen und abzuwarten, bis die Klicks auf den Offenen Brief auf einen belanglosen Wert gefallen waren und der Verein so sicher sein konnte, kaum noch jemand bekommt die ernüchternde Antwort aus Cottbus zu Gesicht.

Epilog

Der Shitstorm fand im Wasserglas statt, nur zwei Websites der Anti-Mobilfunk-Szene reagierten überhaupt auf den Offenen Brief von Diagnose-Funk:

► Am 14. Juli 2022 startete "Beobachter" (das Faktotum des Gigaherz-Forums) den Strang Geisterglaube beim BfS.
► Am 17. Juli 2022 wies das "BVMDE" mit einer belanglosen Meldung auf den Offenen Brief hin.

Über die Geisteskraft, die sich in den Postings des Gigaherz-Forums offenbart, mag sich jeder seine Gedanken selbst machen.

Der Schachzug von Diagnose-Funk, die Antwort des Amtes mit rd. zwei Monaten Verspätung dem Offenen Brief anzufügen, setzte "Beobachter" prompt matt. Denn der teilte noch am 5. November 2022 (da stand die Antwort von Christian Raupach schon 17 Tage online) den anderen Insassen seiner Echokammer mit:

Diagnose Funk hat bisher keine Antwort von Frau Paulini auf die Anfrage zu den Äußerungen von Herrn Leymann veröffentlicht. Man darf daher wohl davon ausgegehn, dass eine Antwort noch nicht eingegangen ist.
Da ist die Vermutung nicht abwegig, dass die Lage, in der sich das BfS durch diese Anfrage gekommen sieht, ziemlich schwierig ist. Schlichte Missachtung der Bürger, die sich in dieser Angelegenheit von der Verbraucherorganistation [sik!] Diagnose Funk vertreten sehen, sollte von einer demokratisch und bürgerdienstlich arbeitenden Behörde nicht zu erwarten sein. Was denn?

Der Strang im Gigherz-Forum wurde auch 2023 noch mehrfach um Posts ergänzt, auch von "Beobachter", seine Falschmeldung vom 5. November 2022 wurde jedoch bis heute nicht berichtigt. Fast könnte man meinen, der beflissene "Beobachter" ist der (unregistrierte) Gesandte des Stuttgarter Vereins in dem Schweizer Forum.

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Jedes komplexe Problem hat eine Lösung, die einfach, naheliegend, plausibel – und falsch ist.
– Frei nach Henry Louis Mencken (1880–1956) –

Tags:
Strategie, Denunzieren, Badische Zeitung, Misserfolg, Stigmatisierung, Gutbier, Herrischried, Lang, Trittbrettfahren, Offener Brief, Leymann


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