NTP-Kontrolltiere (Allgemein)

Wellenreiter, Dienstag, 26.05.2020, 17:51 (vor 1480 Tagen) @ H. Lamarr

Wieso leider? Ist es nicht wirtschaftlich gedacht, die Kontrollgruppe gleich 2-Mal als Referenz zu verwenden? Hätten unter gleichen Bedingungen gehaltene zwei separate Kontrollgruppen für GSM/CDMA nicht zwangsläufig zum selben Ergebnis führen müssen?

Lassen Sie mich das mit einem kleinen Beispiel verdeutlichen. In einer "idealen" eindeutigen Welt würde ja auch ein einziges Kontrolltier ausreichen, denn alle zusätzlichen Kontrolltiere würden ja nach dieser Logik identisch reagieren und wären damit Geldverschwendung. In Wirklichkeit sind die Krankheitsschicksale der Kontrolltiere natürlich einer Verteilung unterworfen. Aus der Verteilung der Grundgesamtheit wird hier eine Stichprobe von 90 Tieren gezogen, die diese Verteilung leidlich gut approximieren soll (das geht leider nicht anders). Je größer die Stichprobe ist, umso besser wird (wenn alles gut läuft) die real existierende Verteilung widergegeben. Es gibt jedoch Anhaltspunkte dafür, dass die Stichprobe aus 90 Kontrolltieren die reale Verteilung nicht besonders gut widergegeben hat. Die Kontrolltiere der NTP-Studie sind beispielsweise nicht nur deutlich früher gestorben, als die exponierten Tiere, sondern auch als die Kontrolltiere aus anderen NTP-Experimenten. Selbiges gilt übrigens auch für die Inzidenz der Herz- und Hirntumore, die waren hier auch am unteren Ende der Verteilung.

Nun kommt das Problem: Alle, also sämtliche GSM und CDMA-Expositionsgruppen wurden mit der selben Kontrollgruppe verglichen. Wir reden also hier von 6x90 Tieren, die jeweils mit denselben 1x90 Tieren verglichen worden sind. Der Kontrollgruppe kommt hier also ein überproportionales Gewicht zu. Ein starker Ausreißer in der Kontrollgruppe könnte damit für statistisch signifikante Ergebnisse in den Vergleichen mit allen exponierten Tieren führen, auch wenn die Krankheitsschicksale der exponierten Tiere in Wirklichkeit ziemlich nahe bei den Werten liegen, die auch für nichtexponierte Tiere typisch wären. Man weiß also nicht, wer sich hier besonders stark von der Realität unterscheidet, die exponierten Tiere oder doch die Kontrolltiere? Ursprünglich kamen die NTP-Forscher deshalb auch nicht zu einer klaren Evidenz für eine krebserzeugende Wirkung, da der Vergleich der exponierten Tiere zu den Kontrolltieren aus vergangenen Experimenten nicht ganz so dramatisch ausfällt.
Im Peer-Review-Verfahren hat sich dann durchgesetzt, dass sich die Haltung im der Kontrolltiere des EMF-Experiments deutlich von der Haltung der historischen Kontrollen unterscheidet (z.B. Krach, Beleuchtung, Einzelhaltung vs. 5 Pro Käfig et.c) und daher dem Vergleich mit den mitgeführten Kontrolltieren ein so hohes Gewicht gegeben werden sollte (daher die Hochstufung zur klaren Evidenz). Das ist einerseits ein valides Argument, andererseits jedoch mit der oben geschilderten Verzerrungsgefahr verbunden, weil die Stichprobe der Kontrolltiere im Vergleich zum Gesamtexperiment so klein ist. Hätte es jeweils eine Extrakontrollgruppe pro Modulation gegeben (also insgesamt 2x90 Tiere) hätte man vielleicht ein besseres Gefühl für die natürlichen Fluktuationen unter den Bedingungen der Studie gehabt und die Wertung einer klaren Evidenz für eine krebserzeugende Wirkung wäre belastbarer (oder auch nicht).


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