Drama um tote Kühe – Gutachten setzt Schlusspunkt (Allgemein)

KI, Donnerstag, 04.12.2025, 18:46 (vor 39 Tagen) @ H. Lamarr

Bizarre EMF-Blödelgeschichten sind für die Medien in der Sauergurkenzeit stets Willkommen. Und wie immer bei solchen Geschichten, ein Betrachter kann sie wahlweise ernst nehmen oder als ulkige Blödelgeschichte amüsiert zur Kenntnis nehmen. Der Verein Diagnose-Funk nimmt EMF-Blödelgeschichten immer ernst. Diesmal ist es ein altbekannter Klassiker: Ein französischer Milchbauer behauptet, ein Mitte 2021 bei ihm errichteter 4G-Funkmast habe 42 seiner 200 Kühe das Leben gekostet.

Zwei französische Landwirte sind überzeugt, Mobilfunk bringt ihre Kühe um
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Symbolbild: Microsoft Copilot

Im Rechtsstreit zwischen dem landwirtschaftlichen Betrieb GAEC de Coupet und mehreren Telekommunikationsunternehmen, darunter Orange France, SFR, Free Mobile und Bouygues Telecom, liegt seit Mai 2023 ein umfangreicher Zwischenbericht des gerichtlich bestellten Sachverständigen Jean-Dominique Puyt vor. Der Gutachter, Professor an der École Nationale Vétérinaire de Nantes, hatte den Auftrag, die Entwicklung der Milchproduktion, den Gesundheitszustand des Viehbestands sowie mögliche Ursachen für die seit Sommer 2021 beobachteten Veränderungen zu untersuchen. Einen Kausalzusammenhang zwischen den Problemen des Hofes und dem Funkmast fand der Gutachter zwar nicht, doch es bleibt ein unangenehmer Nachgeschmack.

Entwicklung der Milchleistung

Die Auswertung der Betriebsdaten zeigt zunächst, dass der Hof mit rund hundert Prim’Holstein-Milchkühen bis 2020 zu den leistungsstärkeren Betrieben der Region zählte. Allerdings war bereits in den Jahren zuvor ein langsamer Rückgang der Milchleistung zu beobachten: von durchschnittlich 8.900 Litern pro Kuh und Jahr im Jahr 2017 auf 8.337 Liter im Jahr 2020. Dieser schleichende Abwärtstrend verschärfte sich jedoch ab Juli 2021 (Inbetriebnahme des Funkmasten) abrupt. Während die Kühe zuvor täglich rund 27 bis 29 Liter Milch gaben, sank die Produktion nach Inbetriebnahme einer neuen 3G/4G-Antenne in unmittelbarer Nähe auf Werte zwischen 12 und 18 Liter. Auch die Monatsabrechnungen der Molkerei Sodiaal bestätigen einen deutlichen Rückgang der Gesamtmengen. Parallel dazu verschlechterten sich die Inhaltsstoffe: Der Fettgehalt sank von etwa 44 auf 42 Gramm pro Liter, der Eiweißgehalt von 34 auf 31 Gramm pro Liter.

Verhalten und Gesundheitszustand der Tiere

Neben der Produktionsleistung wurde auch das Verhalten der Tiere untersucht. Bei einem Ortstermin konnte der Sachverständige selbst keine Auffälligkeiten beobachten, doch Videoaufnahmen und Zeugenaussagen berichten von Kühen, die sich ungewöhnlich in einer Ecke der Stallung zusammenzogen. Angaben der Hofbetreiber, wonach nach einer Stromabschaltung im August 2022 sofortige Verhaltensänderungen sichtbar gewesen seien, wurden von den gegnerischen Parteien bestritten. Sie verwiesen auf die Notstromversorgung der Antenne, die ein solches unmittelbares Verhalten ausschließe.

Der Gesundheitszustand des Bestands wurde anhand veterinärmedizinischer Berichte und Betriebsdaten bewertet. Bereits vor 2021 waren typische Probleme wie subklinische Mastitiden, Stoffwechselstörungen und Klauenkrankheiten dokumentiert. Ab Sommer 2021 kam es jedoch zu einer auffälligen Häufung von Todesfällen bei erwachsenen Kühen: zwölf Tiere verendeten im zweiten Halbjahr, was deutlich über dem üblichen Durchschnitt liegt. Bei Jungtieren wurden Wachstumsverzögerungen und ein Zustand von Abmagerung bis hin zur Cachexie festgestellt.

Ursachenforschung ohne klare Ergebnisse

Die Ursachenforschung ergab keine eindeutige Erklärung. Der Gesundheitsstatus des Bestands hinsichtlich anzeigepflichtiger Krankheiten war weiterhin unauffällig. Futter- und Wasserversorgung hatten sich nicht verändert. Messungen durch Elektrosachverständige schlossen das Vorhandensein von sogenannten „Streuströmen“ an den Tränken aus. Ernährungsbedingte Probleme wie eine chronische Acidose wurden zwar in den Jahren zuvor regelmäßig festgestellt, doch ein plötzlicher Leistungsabfall ließ sich damit nicht erklären. Auch die Hypothese, dass Mastitiden oder erhöhte Zellzahlen im Milchbefund ursächlich seien, wurde nicht bestätigt.

Empfehlung und rechtliche Entwicklung

In seiner Schlussbewertung hält der Sachverständige fest, dass die Milchproduktion und der Gesundheitszustand des Bestands seit Juli 2021 deutlich und abrupt eingebrochen sind. Eine klassische veterinärmedizinische oder betriebliche Ursache konnte nicht festgestellt werden. Die zeitliche Koinzidenz mit der Inbetriebnahme der Mobilfunkantenne sei auffällig, auch wenn ein direkter kausaler Zusammenhang wissenschaftlich nicht belegt werden könne. Der Gutachter schlug daher vor, die Antenne probeweise abzuschalten, um die Auswirkungen auf den Betrieb zu überprüfen.

Dieser Vorschlag stieß bei den Telekommunikationsunternehmen auf deutliche Ablehnung. Sie verwiesen auf die technische Notwendigkeit der Anlage und bestritten einen Zusammenhang zwischen Mobilfunkstrahlung und den beobachteten Problemen. Zudem kam es zu einer rechtlichen Auseinandersetzung: Das Verwaltungsgericht Clermont-Ferrand hatte im Mai 2022 eine Abschaltung der Antenne angeordnet. Der französische Staatsrat (Conseil d’État) hob diese Entscheidung jedoch am 17. August 2022 auf. Begründet wurde dies damit, dass eine Abschaltung die öffentliche Versorgung mit Mobilfunkdiensten unverhältnismäßig beeinträchtigen würde und dass die vorgelegten Gutachten keinen hinreichend gesicherten wissenschaftlichen Nachweis für einen Zusammenhang zwischen der Antenne und den Problemen im Betrieb lieferten.

Damit bleibt der Bericht in seiner nüchternen Bilanz bei der Feststellung einer über Jahre langsam gesunkenen Milchleistung, die sich ab Sommer 2021 dramatisch verschärfte. Die Empfehlung einer zeitweisen Abschaltung der Antenne wird als pragmatischer Versuch gewertet, Klarheit zu schaffen, ist jedoch von den beteiligten Unternehmen abgelehnt und vom Staatsrat rechtlich untersagt worden.

Quelle: Gutachten Prof. Jean-Dominique Puyt (französisch) vom 19. Mai 2023


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