MOBI-Kids: Studienkritik von Hardell & Moskowitz (Allgemein)

H. Lamarr @, München, Dienstag, 17.05.2022, 01:49 (vor 737 Tagen) @ H. Lamarr

Das ist eine schöne Meldung zum Jahresausklang, auch wenn zu erwarten ist, dass die "Gegenseite" umgehend versuchen wird, das eine oder andere Haar in der Mobi-Kids-Suppe zu finden.

Am 5. Mai 2022 brachte die Fachzeitschrift Reviews on Environmental Health online eine Open-Access-Kritik von Lennart Hardell und Joel M. Moskowitz an der Mobi-Kids-Studie: A critical analysis of the MOBI-Kids study of wireless phone use in childhood and adolescence and brain tumor risk (Volltext, PDF, 13 Seiten). Microwave News machte am 15. Mai als Erster öffentlich darauf aufmerksam. Spektakuläre Ungereimtheiten bei den Ergebnissen, wie sie z.B. der Wiener HF-Studie des "Reflex"-Projekts anhaften, konnten die beiden Kritiker nicht finden. Stattdessen bemängeln sie im Wesentlichen das Studiendesign. Der Abstract nennt Details, mit denen Fachleute möglicherweise etwas anfangen können, nicht aber Laien, vom knackigen Schlusssatz, der auf Moskowitz' Einfluss bei der Kritik hindeutet, einmal abgesehen.

Die Fall-Kontroll-Studie MOBI-Kids über die Nutzung von Mobiltelefonen und das Hirntumorrisiko im Kindes- und Jugendalter umfasst Fälle der Altersgruppe 10-24 Jahre, die zwischen 2010 und 2015 diagnostiziert wurden. Insgesamt befand die Studie kein erhöhtes Risiko, für Hirntumore in der Schläfenregion wurde jedoch ein erhöhtes Risiko in den Altersgruppen 10-14 und 20-24 Jahre gefunden. Die meisten Odds-Ratios (ORs) in der MOBI-Kids-Studie waren <1,0, einige davon statistisch signifikant, was auf eine präventive Wirkung von HF-Strahlung hindeutet; dies steht im Gegensatz zu den derzeitigen Erkenntnissen über die Karzinogenese von Hochfrequenz (HF). Diese Ergebnisse von MOBI-Kids sind biologisch nicht plausibel und deuten darauf hin, dass die Studie aufgrund methodischer Probleme fehlerhaft ist. So wurden beispielsweise nicht alle Hirntumorfälle einbezogen, da zentral gelegene ausgeschlossen wurden. Besser wäre es gewesen, alle Hirntumorfälle unabhängig von der Histopathologie und der anatomischen Lokalisation einzubeziehen. Es wurden nur chirurgische Kontrollen mit Blinddarmentzündung verwendet, anstatt bevölkerungsbasierte Kontrollen aus demselben geografischen Gebiet wie die Fälle. Tatsächlich wurde ein erhöhtes Auftreten von Blinddarmentzündungen im Zusammenhang mit HF-Strahlung postuliert, was die Auswahl der Kontrollgruppe in der MOBI-Kids-Studie fragwürdig erscheinen lässt. Der Beginn der Nutzung von Mobiltelefonen bis zu zehn Jahre vor der Diagnose wurde in einigen Analysen in die nicht exponierte Gruppe einbezogen. So wurden wichtige Ergebnisse, die eine späte Karzinogenese, einen Promotor-Effekt, belegen, aus der Analyse herausgenommen und könnten die wahren Risiken unterschätzen. Der lineare Trend war in einigen Analysen statistisch signifikant für die Berechnung des HF-spezifischen Energieeintrags und des durch NF-Exposition induzierten Stroms im Zentrum des Tumors. Dazu wären zusätzliche Einzelfallanalysen erforderlich gewesen. Die Daten aus dieser Studie sollten unter Verwendung einer unkonditionalen Regressionsanalyse, die um potenzielle Störfaktoren bereinigt ist, erneut analysiert werden, um die statistische Aussagekraft zu erhöhen. Dann könnten alle antwortenden Fälle und Kontrollen in die Analysen einbezogen werden. Zusammenfassend sind wir der Meinung, dass die in dieser Arbeit berichteten Ergebnisse nicht interpretierbar sind und deshalb verworfen werden sollten.

Kommentar: Die Autoren der Mobi-Kids-Studie werden aller Voraussicht nach die Kritik nicht auf sich sitzen lassen, sondern umgehend mit einer Replik antworten. Darauf dürften Hardell und Moskowitz mit einer Duplik antworten, die wiederum eine Triplik der Autoren nach sich ziehen könnte und so weiter. Im Verlauf dieser wissenschaftlichen Auseinandersetzung dürfte für Laien die ohnehin jetzt schon dünne Luft noch dünner werden und die Plätze auf den Zuschauerbühnen zügig leeren. Zu dumm :-).

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Jedes komplexe Problem hat eine Lösung, die einfach, naheliegend, plausibel – und falsch ist.
– Frei nach Henry Louis Mencken (1880–1956) –

Tags:
Hardell, Mobi-Kids, Moskowitz


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