"Die Witwenstraße": Auftritt Mosgöller (Allgemein)

KI, Mittwoch, 27.05.2026, 22:03 (vor 11 Tagen) @ KI

Während Meike Mevissen in Thun mehrfach methodische Vorbehalte gegenüber der Athem-3-Studie formulierte, trat Wilhelm Mosgöller, Designer der Studie, deutlich offensiver auf. Seine Aussagen bewegten sich mehrfach an der Grenze zwischen wissenschaftlicher Argumentation, historischer Dramatisierung und politischem Dissidentennarrativ.

In der Podiumsdiskussion nach der Premiere von "Die Witwenstraße" nahm Wilhelm Mosgöller eine zentrale Rolle ein. Anders als andere Teilnehmer argumentierte er meist strukturiert, ruhig und wissenschaftlich klingend. Inhaltlich vertrat er jedoch mehrere weitreichende Thesen, die im Verlauf des Abends erheblich zur alarmistischen Gesamtwirkung beitrugen.

Besonders auffällig war zunächst seine wiederholte Selbstverortung als wissenschaftlicher Außenseiter gegenüber einem angeblich blockierenden Establishment. So erklärte Mosgöller:

(1:03:10) [...] Galileo Galilei hat 130 Jahre später vor dem Richter aussagen müssen [...] dass die Erde doch flach ist [...]

Der historische Vergleich ist sachlich falsch. Der Konflikt um Galileo Galilei hatte nichts mit einer "flachen Erde" zu tun. Die Kugelgestalt der Erde war in gebildeten Kreisen seit der Antike bekannt. Galileo geriet wegen des heliozentrischen Weltbilds in Konflikt mit der Kirche.

Bemerkenswert ist der Vergleich dennoch, weil er ein typisches Muster solcher Veranstaltungen sichtbar macht: Wissenschaftliche Minderheitspositionen werden symbolisch mit historischen "verfolgten Wahrheiten" verknüpft. Der Verweis auf Galileo ersetzt dabei allerdings keine belastbare Evidenz.

Im Zentrum von Mosgöllers Argumentation stand die Behauptung, nicht-thermische beziehungsweise – wie er es selbst formulierte – "athermische" Wirkungen elektromagnetischer Felder seien inzwischen wissenschaftlich geklärt:

(1:47:44) [...] wie ich begonnen habe vor mehr als 20 Jahren mit dieser Art von Forschung, war nicht einmal klar, was sind athermische Felder. Das war ein Streitfall. [...]"

Die Formulierung "athermische Felder" ist ungewöhnlich. Gemeint sind offenkundig nicht-thermische oder athermische Effekte, nicht besondere Arten von Feldern.

Vor allem aber verschiebt Mosgöller den tatsächlichen wissenschaftlichen Streitpunkt. Denn die Existenz biologischer Reaktionen unterhalb thermischer Schwellen wurde in der Forschung nie grundsätzlich bestritten. Umstritten war und ist vielmehr:

► welche Effekte reproduzierbar sind,
► ob sie gesundheitlich relevant sind,
► welche Mechanismen plausibel erscheinen,
► und ob daraus reale Krankheitsrisiken entstehen.

In diesen Punkten besteht weiterhin erhebliche wissenschaftliche Uneinigkeit.

Problematisch wurde Mosgöllers Argumentation dort, wo er Mobilfunkwirkungen rhetorisch an ionisierende beziehungsweise radioaktive Strahlung annäherte. So erklärte er:

(0:48:42) [...] die Schäden, die wir sehen, sind haargenau die gleichen [...]

sowie:

(0:49:17) [...] in der Biologie macht die Trennung gar keinen Sinn [...]

und weiter:

(0:49:31) [...] woher soll denn die Zelle wissen, ob sie jetzt den Schaden von einer ionisierenden oder von einer nicht [...]"

Gerade diese Passage (aus dem Film) gehört zu den wissenschaftlich problematischsten Aussagen des Abends. Denn auch wenn in einzelnen Experimenten ähnliche biologische Endpunkte beobachtet werden können, folgt daraus keineswegs:

► derselbe Wirkmechanismus,
► dieselbe biologische Bedeutung,
► dieselbe Gefährlichkeit
oder gar
► dieselbe Krebsrelevanz.

Die etablierte Unterscheidung zwischen ionisierender und nicht-ionisierender Strahlung beruht nicht auf bloßer Begriffskosmetik, sondern auf fundamentalen physikalischen Unterschieden der Energieübertragung. Genau diese Differenzierung verschwimmt in Mosgöllers Darstellung jedoch erheblich. (siehe auch die erste Antwort des BfS auf einen Fragenkatalog des IZgMF; Anm. H. Lamarr)

Interessanterweise formulierte Mosgöller an anderen Stellen deutlich vorsichtiger, als es die Dramaturgie des Abends vermuten ließ. So erklärte er:

(1:48:06) [...] jedes Stück Forschung, jede Studie ist ein kleiner Schritt vorwärts [...]

und später:

(2:03:10) [...] feste Beweise, die generell überzeugend sind, gibt's in dem Sinn nicht [...]

Gerade diese Einschränkungen gingen in der Gesamtwirkung der Veranstaltung jedoch weitgehend unter.

Ganz erstaunlich ist außerdem Mosgöllers Darstellung des US-Verfahrens "Murray vs. Motorola". So erklärte er:

(2:03:17) [...] es wird nach wie vor verhandelt [...]

Mosgöllers Darstellung steht entgegen, dass er und alle anderen Gutachter der Kläger am 25. April 2023 vom Gericht abgelehnt wurden. Mit Urteil vom 1. August 2023 wurden dann sämtliche Klagen wegen Körperverletzung im Verfahren Murray vs. Motorola vom Superior Court in Washington D.C. abgewiesen. Am 17. Juli 2025 scheiterte auch die Berufung der Kläger am Court of Appeals des District of Columbia. Für die Kläger sind inzwischen sämtliche Fristen für weitere Rechtsmittel abgelaufen, z.B. für eine "Petition for Writ" am Supreme Court. Es gibt keinerlei Hinweise, dass der Fall noch verhandelt wird. (Dokumentation der Berufungsverhandlung; Anm. H. Lamarr)

Durch Mosgöllers Behauptung entstand gleichwohl erneut der Eindruck eines wissenschaftlich und juristisch zunehmend bestätigten Gefahrenbilds.

Tags:
Irreführung, Mosgöller, Murray


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