20 Der Wissenschaftsornamentiker (Allgemein)

H. Lamarr @, München, Mittwoch, 04.02.2026, 13:19 (vor 1 Tag, 10 Stunden, 21 Min.) @ Alexander Lerchl

Problematisch ist dabei weniger der individuelle Irrtum als seine Wirkung. Wenn ein Vereinsfunktionär, der sich öffentlich als wissenschaftliche Autorität inszeniert, mit unqualifizierten Risikoabschätzungen auftritt, produziert er Ängste, keine Aufklärung. Dass solche Texte offenbar ohne fachliche Kontrolle veröffentlicht werden, wirft ein bezeichnendes Licht auf den Verein Diagnose-Funk. Für eine Organisation, die für sich den Anspruch eines Verbraucherschutzvereins reklamiert, ist diese Entwicklung nicht nur unerquicklich, sondern substantiell beunruhigend.

Beunruhigend für wen? Diagnose-Funk? Die sind doch schon lange immun gegen Kritik oder Selbst-Kritik. "Wir wissen es besser" ist doch deren Credo. Ohne Grundlage, mal eben so dahergesagt. Na ja, Wirkungen haben die "Pressemitteilungen" des Verein ohnehin nicht, also kann man sie in ihrem Sandkasten enfach spielen lassen. Es tut keinem weh.

Nein, Diagnose-Funk ist nicht gemeint, sondern die Bevölkerung. Denn wenn ein aufgeregter Anti-Mobilfunk-Verein, der sich als Verbraucherschutzverein ausgibt, mit unqualifizierten Ratschlägen Menschen in den Tod treiben kann, dann ist das mMn substantiell beunruhigend. Wobei der Vorwurf nicht allein Diagnose-Funk trifft, sondern alle Mobilfunkkritiker, die öffentlich "Elektrosensibilität" als reale Folgeerkrankung von HF-EMF-Exposition propagieren. Die Versuchung ist groß, diese Leute als Spinner abzutun, das wird denen aber nicht gerecht, weil sie mindestens einen "Elektrosensiblen" auf dem Gewissen haben. Diesen Sachverhalt darf man nicht vergessen. Das rein hypothetische Risikogeschwätz organisierter Mobilfunkkritiker, wie aktuell die Schwangere, die angeblich von einem LoRaWAN-Funkzähler gefährdet wird, darf man hingegen getrost in die Tonne entsorgen, diesen Blödsinn nimmt eh keiner ernst.

Tragisch hingegen das Schicksal des evangelischen Pfarrers von Oberammergau. Dem wurde 2006 so lange eingeredet, er sei "elektrosensibel", bis er nachts zum Schlafen mit dem Auto in die Wälder flüchtete. Nach seiner Pensionierung zog er nach Norddeutschland, 2013 wählte er dort wegen der Einführung von LTE den Freitod. Um sicherzugehen, nicht auf ein Gerücht hereinzufallen, hatte ich seinerzeit ein Gespräch mit dem zuständigen Staatsanwalt. Und der bestätigte mir: Der Ex-Pfarrer hatte einen Abschiedsbrief hinterlassen, in dem er sein Tun mit der Verdichtung der LTE-Netze begründete.

Ein konkreter Schuldiger lässt sich nicht ausmachen, viele haben mit ihrem Risikogeschwätz den verzweifelten Mann in seiner Wahnvorstellung bestärkt und damit unabsichtlich in den Tod getrieben. Nur wenige Mobilfunkkritiker haben daraus gelernt und halten sich seitdem mit öffentlichem Risikogeschwätz zurück. Die meisten aber machen weiter und nehmen damit billigend in Kauf, dass es wieder passiert.

Weniger eindeutig ist ein anderer Freitod. Am 11. Juni 2015 wurde Jenny Fry (15) in einem Wald bei Chadlington, England, tot aufgefunden. Sie hatte sich an einem Baum erhängt. Aus Sicht ihrer Eltern war der Anlass für Jennys Suizid das W-Lan an ihrer Schule, die Jugendliche soll "elektrosensibel" gewesen sein. Es gibt aber auch Stimmen die sagen Jenny könnte noch leben, wäre sie nur rechtzeitig richtig behandelt worden, nämlich wegen Depressionen.

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Jedes komplexe Problem hat eine Lösung, die einfach, naheliegend, plausibel – und falsch ist.
– Frei nach Henry Louis Mencken (1880–1956) –


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