20 Der Wissenschaftsornamentiker (Allgemein)

H. Lamarr @, München, Montag, 02.02.2026, 20:38 (vor 3 Tagen) @ H. Lamarr

Peter Hensinger trat der Anti-Mobilfunk-Szene im Jahr 2006 bei. Damals war der gelernte Drucker ein Neuling, der mit Ganzkörper-SAR und Teilkörper-SAR nichts anzufangen wusste. Heute sieht sich der Stuttgarter als "Wissenschaftler" auf dem Gebiet der Bioelektromagnetik. Dieser Rollenwechsel ist bemerkenswert – und er bleibt nicht folgenlos.

Der Einbau digitaler Zähler zur Erfassung von Strom, Wasser und Wärme ist gesetzlich vorgeschrieben. Für EMF-Phobiker sind digitale Zähler an sich nicht das eigentliche Problem, sondern der Umstand, dass inzwischen angeblich ausschließlich funkende Geräte installiert werden. Einige Mieter und Hausbesitzer wehren sich dagegen und verlangen Alternativen. Der Messstellenbetreiber Minol reagierte auf solche Forderungen mit dem Hinweis, die Strahlenbelastung sei extrem gering und daher unbedenklich. Konkret geht es um Zähler mit LoRaWAN-Funkmodulen.

An dieser Stelle betrat Peter Hensinger die Bühne. Auf Bitten eines Mitglieds seines Vereins Diagnose-Funk belehrte er Minol wortreich und unter Berufung auf zwei wissenschaftliche Studien. LoRaWAN sei keineswegs gesundheitlich unbedenklich, selbst weit unterhalb geltender Grenzwerte könnten zelltoxische Effekte auftreten. Ein LoRaWAN-Gerät in der Wohnung einer Schwangeren stelle daher eine erhebliche Gefährdung dar. Die entsprechende "wissenschaftliche" Stellungnahme ist in voller Länge hier nachzulesen.

Die entscheidende Frage lautet allerdings: Weiß Hensinger eigentlich, wovon er spricht? Die Antwort liegt nahe. Denn hätte er auch nur ein rudimentäres Verständnis der eingesetzten Technik, hätte er sich diese öffentliche Belehrung vermutlich erspart.

Ein Blick auf die technischen Grundlagen genügt. LoRaWAN-Funkzähler sind batteriegespeist und auf extreme Energieeffizienz ausgelegt. Die Lebensdauer der eingesetzten Batterien liegt nicht bei zwei oder drei Jahren, sondern bei mindestens zehn, häufig sogar bei 15 bis 20 Jahren. Möglich ist das nur durch den Einsatz von Lithium-Thionylchlorid-Zellen mit hoher Energiedichte und äußerst geringer Selbstentladung. Ein Funkmodul, das über zwei Jahrzehnte hinweg aus einer einzelnen Batterie betrieben wird, sendet zwangsläufig extrem selten und extrem kurz.

Tatsächlich werden Heizkostenverteiler sowie Wasser- und Wärmezähler in der Regel einmal täglich aktiv, meist zur Übermittlung des Zählerstands um Mitternacht. Rauchwarnmelder melden ihren Status zweimal im Monat. Weitere Funktelegramme werden nur bei besonderen Ereignissen wie einem Batteriealarm ausgelöst. Die Sendezeit liegt jeweils im Bereich von ein bis anderthalb Sekunden.

Minol betreibt nach eigenen Angaben gemeinsam mit Partnern rund zehn Millionen solcher Sensoren im weltweit größten LoRaWAN-Netz. Dass ein Unternehmen dieser Größenordnung seine Kunden systematisch einer relevanten Gesundheitsgefährdung aussetzt, ist nicht nur unbelegt, sondern angesichts der technischen Randbedingungen schlicht absurd (Quelle).

Vor diesem Hintergrund wirkt Hensingers Warnung vor einer angeblich erheblichen Gefährdung Schwangerer nicht wie eine kritische Risikoabwägung, sondern wie eine Projektion. Selbst unter unrealistischen Extremannahmen – etwa einer dauerhaften unmittelbaren Nähe zum Funkmodul – zerfällt die Argumentation. Übrig bleibt eine pseudowissenschaftliche Dramatisierung, die mit technischer Realität nichts mehr zu tun hat.

Problematisch ist dabei weniger der individuelle Irrtum als seine Wirkung. Wenn ein Vereinsfunktionär, der sich öffentlich als wissenschaftliche Autorität inszeniert, mit unqualifizierten Risikoabschätzungen auftritt, produziert er Ängste, keine Aufklärung. Dass solche Texte offenbar ohne fachliche Kontrolle veröffentlicht werden, wirft ein bezeichnendes Licht auf den Verein Diagnose-Funk. Für eine Organisation, die für sich den Anspruch eines Verbraucherschutzvereins reklamiert, ist diese Entwicklung nicht nur unerquicklich, sondern substantiell beunruhigend.

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Jedes komplexe Problem hat eine Lösung, die einfach, naheliegend, plausibel – und falsch ist.
– Frei nach Henry Louis Mencken (1880–1956) –


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