Populismus vs. Wissenschaft: Diagnose-Funk vs. BfS (Allgemein)

H. Lamarr @, München, Samstag, 29.04.2023, 16:40 (vor 386 Tagen)

Abgesehen von seiner Selbsternennung hat Diagnose-Funk keinerlei Mandat, sich als Verbraucherorganisation zum Schutz der Bevölkerung vor elektromagnetischer Strahlung in Szene zu setzen. Dennoch sitzen Vertreter des Vereins häufig als "Experten" in sogenannten Informationsveranstaltungen Vertretern des Bundesamtes für Strahlenschutz (BfS) gegenüber. Dies ist aus der Not geboren, weil hierzulande ein chronischer Mangel an BfS-Referenten ebenbürtigen mobilfunkkritischen Wissenschaftlern herrscht. In diesem Post gehen wir der Frage nach, warum selbstgewisser Populismus gegenüber wissenschaftlicher Fachkompetenz durchaus gewinnen kann.

Im Mitgliedermagazin des Vereins Diagnose-Funk behauptete Peter Hensinger :

[...] Die BfS-Vertreter mussten feststellen: wo diagnose:funk Gelegenheit hat, den Stand der Forschung vorzutragen, ziehen sie den Kürzeren. [...]

Klingt nach Realsatire, weil ausgerechnet der Kurze von Diagnose-Funk das sagt :-).

Im Ernst: Die selbstbewussten Töne spuckte Peter Hensinger gegen Ende 2021. Damals war das frischgebackene "Kompetenzzentrum EMF" des BfS in Cottbus noch nicht einmal offiziell eingeweiht, die neu eingestellte Belegschaft in Einarbeitung und deshalb unerfahren. Da kann es mMn durchaus mal vorgekommen sein, dass ein alteingesessener Diagnose-Funker dem "jungen Gemüse" bei der einen oder anderen Veranstaltung den Schneid abgekauft hat. Hensinger erging es 2007, rd. ein Jahr nach dem Start seiner Spätkarriere als Mobilfunkgegner schließlich nicht anders. Der Ex-Drucker behauptete damals, noch grün hinter den Ohren, so viel Quatsch über die "Reflex"-Nachfolgestudie (später publiziert von Schwarz et al., 2008), dass sich sogar Franz Adlkofer auf Nachfrage des IZgMF genötigt sah, Hensinger öffentlich abzuwatschen. Das hat uns der selbstgewisse Schwabe nie verziehen.

Mir ist zwar kein Fall bekannt, theoretisch könnte es aber auch sein, dass ein Diagnose-Funker anlässlich einer öffentlichen Veranstaltung sogar einen alten Hasen oder eine alte Häsin des BfS in Verlegenheit bringen kann. Aus völlig unterschiedlichen Gründen:

Heimspielkulisse: Da sich die Bevölkerung für die Mobilfunkdebatte erst dann interessiert, wenn in ihrem Wohnumfeld ein Funkmast errichtet werden soll, besteht das Publikum sogenannter Informationsveranstaltungen üblicherweise mit großer Mehrheit aus Personen, die, geplagt von irrationalen Ängsten, nur eines im Sinn haben: Der Mast muss weg. Diagnose-Funk-Referenten gießen Öl ins Feuer, bestätigen die Ängste der Leute und bekommen dafür begeisterten Beifall. Wer sich hingegen bemüht, die Ängste der Leute mit trockenen Sachargumenten zu zerstreuen, muss damit rechnen, Gelächter zu ernten, nicht selten schlägt ihm ungeschminkt Feindseligkeit entgegen.

Hexenkessel: Treten Diagnose-Funk-Redner auf, erscheinen Anhänger des Vereins zuweilen unerkannt im Publikum einer Veranstaltung. Gibt es vor Ort nicht genug davon, reisen notfalls welche an, animieren andere gezielt zu Beifalls- und Missfallensbekundungen oder stellen verabredete Fragen. Ist die Moderation schwach, entwickeln sich Veranstaltungen zu Hexenkesseln für alle, die den Standpunkt des mobilfunkkritischen Referenten nicht teilen.

Kompetenzgefälle: Mobilfunkkritische Referenten, auch solche mit einem akademischen Titel (Prof., Dr., Dipl.-Ing.), sind in aller Regel fachfremde Autodidakten, deren berufliche Qualifikation auf ganz anderen Gebieten liegen. Ist die Moderation schwach, werden diese Referenten dem Publikum dennoch als "Experten" in der Mobilfunkdebatte vorgestellt, gerne irreführend mit ihrem akademischen Titel. Das ohnehin schon voreingenommene Publikum kann so nicht erkennen, dass ein selbst ernannter Experte, der möglicherweise ein gewiefter Rhetoriker ist, gegen einen echten Experten antritt, der fachlich haushoch überlegen ist, jedoch eher Wissenschaftler ist als ein guter Rhetoriker.

Rhetorik: Referenten des BfS müssen auf Veranstaltungen als seriöse Vertreter eines Bundesamts auftreten und z.B. auf Unsicherheiten oder offene Fragen beim wissenschaftlichen Kenntnisstand hinweisen. Sie werden peinlich genau beobachtet, dürfen keinen Fehler machen, denn jedes Wort wird auf die Goldwaage gelegt. Völlig andere Voraussetzungen gelten für mobilfunkkritische Referenten. Die dürfen risikolos alle rhetorischen Tricks einsetzen, zu denen Populisten imstande sind, z.B. haltlose Behauptungen aufstellen bis hin zu Lügen, persönliche Meinungen als Tatsachen vortragen, Unterstellungen loswerden oder mit Scheinwissen über Studien kokettieren, auch wenn diese qualitativ wertlos sind. Fachargumente haben es gegen plakativ verpackte Falschbehauptungen immer schwer. Erst recht, wenn ein voreingenommenes Publikum nichts weiß und deshalb nur zu gerne blind alles glauben will, was "sein" Referent vorträgt.

Falsche Parität: Nicht selten sind bei Veranstaltungen mobilfunkkritische Referenten in der Überzahl. Doch selbst ein vermeintlich ausgewogenes Referentenpodium wird dem tatsächlichen Kräfteverhältnis in Wissenschaft und Gesellschaft nicht gerecht. Denn Mobilfunkgegner sind hier wie dort eine zwar laute, aber kleine Minderheit. So zog die Europäische Bürgerinitiative "Stop 5G" trotz 1-jähriger Sammlung in der EU nur 0,02 Prozent der 400 Mio. EU-Bürger älter als 16 Jahre auf ihre Seite. Um dieses Kräfteverhältnis bei Veranstaltungen wenigstens symbolisch fair abzubilden, müssten z.B. (theoretisch) fünf Referenten des BfS auf einen mobilfunkkritischen Referenten kommen oder ein Referent des BfS bekommt die fünffache Redezeit seines Argumentationsgegners zugesprochen.

Interessenkonflikte: Tritt ein Vertreter der Mobilfunkindustrie als Referent auf, ist dessen Interessenkonflikt offenkundig und er muss mit Buhrufen aus dem Publikum rechnen. Interessenkonflikte mobilfunkkritischer Referenten (z.B. Tätigkeit als Baubiologe) sind hingegen ein Tabu. Mir ist kein Fall bekannt, dass eine Moderation darauf einging. Und selbst wenn, wird sich das voreingenommene Publikum nicht daran stoßen. So kann sich der momentan erste Vorsitzende von Diagnose-Funk risikolos als Baubiologe outen, ohne bei Mobilfunkgegnern erkennbar an Glaubwürdigkeit zu verlieren.

Fazit

Ja, Referenten des BfS oder andere Fachkundige können gegenüber Referenten aus dem mobilfunkkritischen Milieu durchaus den Kürzeren ziehen. Dies trifft jedoch nur für Publikumsveranstaltungen vor voreingenommenen Laien zu, denn dort können Referenten der Anti-Mobilfunk-Szene ihre Stärken in Populismus und Rhetorik üblicherweise ungehindert ausspielen. In wissenschaftlichen Kreisen sind diese Stärken weniger gefragt, dort haben Fachwissen und harte Fakten statt gegoogelter Phrasen und Meinungen die Oberhand. Referenten der Anti-Mobilfunk-Szene machen um wissenschaftliche Veranstaltungen deshalb einen großen Bogen. Meines Wissens nach trat dort noch nie ein Referent der Szene auf (Ausnahme: Franz Adlkofer †), seltene Einladungen zur Teilnahme werden mit Ausflüchten abgelehnt. Aus meiner Sicht wäre es daher äußerst hilfreich, Referenten der Szene häufiger zu öffentlichen wissenschaftlichen Sessions für jeden sichtbar einzuladen, ist arges Schwitzen statt fröhlichem Schaulaufen doch bekanntlich sehr gesund und erspart einem den Saunabesuch.

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Jedes komplexe Problem hat eine Lösung, die einfach, naheliegend, plausibel – und falsch ist.
– Frei nach Henry Louis Mencken (1880–1956) –

Tags:
Rhetorik, Ueberzeugung, Falschmeldung, Tatsachenbehauptung, Populismus, Trick, Kompetenzgefälle, Koppelgeschäft, Interessenskonflikt, Rosinenpickerei, Pseudo-Experten, Hexenkessel

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