Kritische Analyse des Papers von Melnick und Moskowitz (Allgemein)
Ein neu erschienenes Paper in Environmental Health behauptet, die geltenden Grenzwerte für hochfrequente elektromagnetische Felder (HF-EMF) seien deutlich zu hoch und müssten drastisch gesenkt werden. Grundlage ist jedoch keine neue experimentelle Forschung, sondern eine modellbasierte Risikoabschätzung auf Basis bereits publizierter Tierdaten. Entscheidend für die extrem niedrigen Ergebniswerte sind mehrere Annahmen im Modell.
Ausgangspunkt: Tierstudien-Review statt neue Studien
Das am 14. März 2026 publizierte Paper von Melnick und Moskowitz "Exposure limits to radiofrequency EMF do not account for cancer risk or reproductive toxicity assessed from data in experimental animals" (Volltext) gibt sich zunächst als neue Risikobewertung. Tatsächlich fußt der Krebs-Teil der Arbeit auf der systematischen Review von Mevissen et al. (2025). Diese Review kam zu dem Ergebnis, dass in Langzeitversuchen mit Ratten Herz-Schwannome (gefäßgebundene Tumoren) sowie Gehirngliome verstärkt auftraten (bei hoher Evidenzlage). Melnick und Moskowitz übernehmen ausdrücklich diese Befunde als Ausgangspunkt: Sie nutzen die von Mevissen et al. ermittelten Benchmark-Dosen (BMD) für die Tumorhäufigkeiten in den NTP- und Ramazzini-Studien, wobei ihr Schwerpunkt auf den Herz-Schwannomen liegt (dort war der Zusammenhang am stärksten ausgeprägt und die Evidenz am höchsten).
Wichtig: M&M führen keine neuen Tierversuche durch und sammeln auch keine neuen Daten. Sie machen also keine neue Evidenzarbeit, sondern führen auf den bestehenden Studien eine modellbasierte Risikoabschätzung durch.
Von der Review zur Grenzwertberechnung
Der Kernbeitrag des Papers ist die Mathematik: Aus den BMD-Werten für Tumoren in den Ratten-Studien leiten die Autoren Expositionsgrenzwerte ab.
Ablauf in Kürze: Aus den Daten der beiden großen Tierstudien (NTP 2018 und Ramazzini-Institut 2018) berechnen sie mit einem Benchmark-Dosis-Modell eine Dosis, bei der rechnerisch etwa 1 % zusätzliches Krebsrisiko entstehen würde. Diese Dosis (BMDL01) dividieren sie dann linear durch 10^3 (weil sie ein Risiko von 1:100'000, also 0,00001 bzw. 10⁻⁵, ansetzen). Man erhält so extrem niedrige "gesundheitsschützende" SAR-Werte. Die Autoren kommen auf SAR-Bereiche von wenigen Milliwatt pro Kilogramm: etwa 0,8 mW/kg bis 5 mW/kg (Ganzkörper) bei einem Krebsrisiko von 1×10⁻⁵.
Zum Vergleich: Der aktuelle Grenzwert der ICNIRP/FCC für die Allgemeinbevölkerung beträgt 0,08 W/kg = 80 mW/kg. Das heißt, die berechneten "sicheren" Werte liegen um Größenordnungen darunter. Diese Rechnung ist formal korrekt durchgeführt, der Unterschied entsteht aber fast ausschließlich durch einen letzten Rechenschritt (siehe unten).
Der entscheidende Schritt: Modellannahme
Der große Abstand zwischen den berechneten mW-Werten und den bestehenden Werten entsteht durch eine zentrale Annahme: Eine lineare Dosis-Wirkungs-Beziehung ohne Schwelle. Die Autoren nehmen an, dass das Krebsrisiko sich proportional weiter verringert, wenn die Dosis weit unter die getesteten Werte fällt. Anders gesagt: Wenn 1 W/kg z.B. 1 % Risiko gibt, dann soll 0,01 W/kg 0,01 % Risiko ergeben.
Wichtig ist hier: Für sehr niedrige Expositionen gibt es keine Messdaten. Die an diesen Bereich angelehnte lineare Fortsetzung ist eine Modellannahme, kein empirisch belegter Effekt. Melnick & Moskowitz formulieren selbst, sie wüssten keinen etablierten nicht-linearen Wirkmechanismus und nutzten deshalb "linear low-dose extrapolation". Das ist methodisch eine policy choice, keine Beobachtung. Je nach Wahl dieser Extrapolationsregel würden ganz andere Grenzwerte herauskommen.
Starke Abhängigkeit von wenigen Tierstudien
Die gesamte quantitative Analyse beruht letztlich nur auf den beiden genannten Tierstudien (NTP und Ramazzini). Beide wurden zwar hochrangig veröffentlicht, sind aber auch umstritten. Kritiker weisen etwa darauf hin, dass in der NTP-Studie Tiere der Kontrollgruppe deutlich früher verstarben als die bestrahlten Tiere (nur 28 % der Kontrollratten erreichten den Versuchs-Endpunkt gegenüber 50–68 % in den Expositionsgruppen). Da Ratten oft erst im hohen Alter Tumore entwickeln, könnte eine verkürzte Überlebenszeit in der Kontrollgruppe zu künstlich niedrigerer Tumorrate geführt haben.
Ähnliche Fragen wurden an die Ramazzini-Studie (Falcioni et al. 2018) gestellt: Dort wurden die Ratten zwar über ihr ganzes Leben mit vergleichsweise schwachen Basisstationssignalen (GSM 1,8 GHz, bis 0,1 W/kg) exponiert, dennoch fanden sich erhöhte Herz-Schwannom-Raten bei den höchsten Expositionsdosen.
In jedem Fall gilt: Wenn nur diese wenigen Tierstudien die Grundlage einer Risikoabschätzung sind, dann bestimmt ihre Interpretation das Ergebnis. Sind die Daten oder ihre Auswertung fehlerhaft oder ungewöhnlich, überträgt sich das direkt auf die modellierten Grenzwerte.
Fertilitätsanalyse: Mehrdeutige Datenlage
Der zweite Teil des Papers leitet von Tierdaten auch Grenzwerte für mögliche Auswirkungen auf die männliche Fruchtbarkeit ab. Als Basis dient eine von Cordelli et al. publizierte Metaanalyse (WHO-Review 2024), die eine lineare Beziehung zwischen SAR und Fortpflanzungsparametern annimmt. Dort wurde ein lineares Wirkungsmaß von 0,03 pro W/kg ermittelt (d.h. 3 % Wirkung pro W/kg).
M&M übernehmen diesen Wert und wenden dann klassische Sicherheitsfaktoren an: 10× für Tier-auf-Mensch-Übertragung, 10× für Unterschiede innerhalb der Menschen, und 3× falls nur ein LOAEL (nicht NOAEL) vorliegt. Nach diesen Uncertainty-Factor-Regeln kommt man auf den Gesamtfaktor 300. Dividiert man die Basiswirkung (1 W/kg → 3 % Effekt) durch 300, erhält man etwa 3,3 mW/kg als schützenden Wert. Ließe man die 3× weg (wenn man annähme, 1 W/kg wäre kein LOAEL), käme man auf 10 mW/kg. Dies steht im Paper: "exposure limit value of 3.3 or 10 mW/kg… 8- to 24-times lower than ICNIRP/FCC limits".
Auch dieser Rechenschritt ist formal korrekt. Ob er aber sinnvoll ist, hängt stark von der Qualität der zugrunde liegenden Studien ab. Tatsächlich warnten Cordelli et al., dass ihre Ausgangsdaten heterogen sind und die Effekte häufig klein sind. Insofern ist das Ergebnis (3–10 mW/kg) mit großer Unsicherheit behaftet und vollends von den getroffenen Annahmen abhängig.
Fazit
Das Paper von Melnick und Moskowitz liefert keine neuen experimentellen Befunde zum Thema HF-EMF. Es kombiniert vielmehr bestehende Tierdaten (insbesondere aus der Mevissen-Review sowie den NTP- und Ramazzini-Studien) mit einem toxikologischen Risikomodell.
Die sehr niedrigen Zahlen für "schützende" SAR ergeben sich dabei hauptsächlich aus bestimmten Modellannahmen, vor allem der linearen Extrapolation ins Niedrigdosisgebiet. Sie zeigen in erster Linie: Je nach Wahl der Annahmen kann man aus denselben Daten völlig andere Grenzwerte ableiten. Das Paper illustriert damit, wie extrem unterschiedlich die Ergebnisse ausfallen können, betont aber nicht überzeugend, dass die bestehenden Grenzwerte nun wirklich falsch seien.
Letztlich ist die Arbeit mehr ein Gedankenexperiment ("Was würde passieren, wenn wir sehr vorsichtig extrapolieren?") als ein Beleg für tatsächlich überhöhte Grenzwerte. Sie eignet sich, um zu diskutieren, wie stark Ergebnisse von der Wahl des Modells abhängen. Einen endgültigen Beweis dafür, dass die aktuellen Grenzwerte um Größenordnungen zu hoch sind, liefert sie aber nicht.