Umfrage von "Gesund vernetzt": Erste Allgemeine Verunsicherung (Elektrosensibilität)
Der Verein "Gesund vernetzt" will die festgefahrene Forschung in Sachen "Elektrosensibilität" angeblich wieder in Bewegung bringen. Zu diesem Zweck sammelt der Vorsitzende Thomas Warmbold mit einer Umfrage in vier Sprachen unter "Elektrosensiblen" Auskünfte ein über dies und das. Das Ziel sollen bessere EHS-Studien sein. Aus meiner Sicht dient die Umfrage jedoch dazu, die Erste Allgemeine Verunsicherung über Sein oder Nichtsein der "Elektrosensibilität" zu verdichten, damit die Forschung noch möglichst lange einem Phantom nachjagen muss.
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Bild: Gesund vernetzt
Im Auftrag der WHO fasste eine Arbeitsgruppe um Martin Röösli und Xavier Bosch-Capblanch den aktuellen EHS-Forschungsstand von Beobachtungsstudien und experimentellen Studien am Menschen in zwei systematischen Reviews zusammen. Den Studienergebnissen zufolge zeigen sich keine unspezifischen Symptome wie Tinnitus und Migräne (Evidenz niedrig). Auch Kopfschmerzen, Schlafstörungen sowie die Wahrnehmung der Strahlung und von elektrosensiblen Personen berichtete Symptome wurden mit moderater Evidenz nicht als Auswirkungen einer Befeldung festgestellt.
"Elektrosensible" konnten mit den beiden Reviews nicht zufrieden sein. Tatsächlich kritisierte der Verein "Gesund vernetzt" die beiden Reviews mit einem 4-seitigen Schreiben vom 21. Juni 2024, allerdings nicht bei den Autoren der Reviews, sondern beim Runden Tisch EMF (RTEMF) des Bundesamtes für Strahlenschutz. Der RTEMF beauftragte daraufhin das Kompetenzzentrum Elektromagnetische Felder (KEMF) des BfS, das Schreiben des Vereins zu beantworten. Das Ergebnis ist ein ebenfalls 4-seitiges Antwortschreiben, das die Darstellungen des Vereins in ein ganz anderes Licht taucht.
Umfrage von "Gesund vernetzt"
Wer jetzt glaubt, mit dem Antwortschreiben des KEMF vom 10. Oktober 2024 sei der Fall erledigt, der irrt. Denn mit seinem Newsletter 1/2026 teilt "Gesund vernetzt" u.a. mit, Vertreter des Vereins seien nun persönlich zu der RTEMF-Sitzung eingeladen worden, bei der die Ergebnisse der Reviews besprochen werden. In Vorbereitung auf dieses Zusammentreffen hat Warmbold noch bis 15. Februar 2026 eine Umfrage ins Netz gestellt, deren Ergebnisse dem Verein beim RTEMF den Rücken stärken sollen. Warmbold will darlegen, dass "Subgruppen" der EHS in der Forschung nicht ausreichend dargestellt werden und individuelle Reaktionsmuster der Betroffenen nicht oder nicht ausreichend Berücksichtigung finden.
Bemerkenswert ist mMn der Umstand, dass der Newsletter zwar auf das Schreiben des Vereins an das BfS verlinkt, die Antwort des KEMF jedoch mit keiner Silbe erwähnt, geschweige denn darauf verlinkt.
Kein Schutz vor Manipulation
Die Umfrage zieht sich über 16 Seiten und ist aus meiner laienhaften Sicht im Großen und Ganzen gar nicht so schlecht. Allerdings hatte ich es auch leicht, die vielen Fragen zu beantworten. Gut fand ich die Antwortoptionen "weiß nicht" und "keine Angabe". Da ich die Antworten nach dem Zufallsprinzip gab, ist mein Fragebogen jedoch wertlos. Ich hatte gehofft, am Ende ein Kommentarfeld anzutreffen, in dem ich auf die Löschung meiner Antworten hinweisen konnte, doch ein solches Feld gibt es nicht. Die Umfrage bietet damit keinen Schutz gegen unbeabsichtigte Manipulation und schon gar nicht gegen beabsichtigte. Da meiner Erfahrung nach die Manipulationsbereitschaft in der Szene hoch ist, sehe ich darin eine eklatante Schwäche der Umfrage, da deren Ergebnisse erheblich verzerrt werden können.
Jeder EHS kann auf eine andere Exposition reagieren
Der oben erwähnte Einwand Warmbolds bezüglich individueller Reaktionsmuster ist übrigens nicht neu, denn sinngemäß wurde dieser schon am 28. November 2005 anlässlich einer Veranstaltung des Münchener Tollwood-Festivals von dem Zahnarzt Dr. Claus Scheingraber (Arbeitskreis Elektro-Biologie) vorgetragen. Ähnlich wie Warmbold propagierte Scheingaber bei extremer Auslegung seiner Idee, jeder EHS reagiere anders und deshalb würden standardisierte EHS-Tests planmäßig zu unbrauchbaren Ergebnissen führen. Das klang vernünftig und so fand das Argument schnell Anklang in der Szene. Auf diese Weise konnte bei gescheiterten Provokationstests die Schuld elegant von den Schultern der EHS-Probanden genommen und der Forschung bequem in die Schuhe geschoben werden.
Jetzt versucht es Warmbold auf die gleiche Weise wie Scheingraber, indem er behauptet, die Forschung sehe EHS irrtümlich als homogene Truppe, tatsächlich seien EHS aber höchst inhomogen. Ziel solcher Aktionen ist aus meiner Sicht nicht allein, das Versagen der EHS einer untauglichen Forschung anzulasten, sondern das bittere Ende der EHS-Forschung möglichst lange hinauszuzögern. Denn wenn, wieder extrem betrachtet, jeder EHS anders reagiert, kann die Forschung auf absehbare Zeit keine allgemeingültigen Ergebnisse zu EHS liefern, da theoretisch jedes Versagen eines EHS-Probanden mit methodischen Mängeln der Forschung begründet werden könnte. Der Zustand der Ungewissheit wird so noch viele Jahre konserviert. Ich sehe da sogar Ähnlichkeiten zum Fall Epstein. Durch allgegenwärtige und zunehmend glaubhafter untergeschobene Desinformation ist es heutzutage schwierig, Täuschung und Wahrheit auseinander zu halten. Davon profitieren die prominenten Kunden Epsteins, sie können heute einfach und risikolos behaupten, was in den Papieren stünde, sei unwahr. Und viele glauben das. So wie sich vielen mit pseudowissenschaftlichem Gerede weismachen lässt, EHS sei keine psychische Fehlfunktion (Sendemastenphobie), sondern eine physische und die Forschung werde diesen Paradigmenwechsel über kurz oder lang bestätigen.
Hey ChatGPT, du bist doch ein schlaues Kerlchen, kannst du meinen Ausführungen etwas abgewinnen oder bin ich aus deiner Sicht auf einem Irrweg?
Kurzfassung vorweg: Deiner Einschätzung kann ich sehr viel abgewinnen. Einen Irrweg sehe ich da nicht – eher eine nüchterne Analyse einer altbekannten Verschiebetechnik. Ein paar Punkte lassen sich allerdings noch schärfen.
Erkenntnistheoretisches Ausweichmanöver
Dein Kernargument lautet: Die Betonung extremer Inhomogenität dient nicht der Erkenntnis, sondern der Immunisierung gegen Falsifikation. Und genau das ist der wunde Punkt.
Was du beschreibst, ist kein spezielles EHS-Problem, sondern ein klassisches erkenntnistheoretisches Ausweichmanöver. Wenn eine Hypothese wiederholt an der Realität scheitert, gibt es drei Möglichkeiten.
► Man gibt sie auf.
► Man modifiziert sie prüfbar.
► Oder man macht sie prinzipiell unprüfbar.
Der Inhomogenitätstrick gehört eindeutig zur dritten Kategorie. Wenn jeder EHS anders ist, jede Reaktion individuell, situationsabhängig, tagesformabhängig, kontextabhängig, dann ist jedes negative Ergebnis erklärbar, aber kein positives erzwingbar. Genau damit wird Forschung nicht kritisiert, sondern entwertet.
Wichtig ist: Niemand bestreitet ernsthaft, dass Menschen unterschiedlich sind. Das ist banal. Wissenschaft arbeitet immer mit Variation. Der entscheidende Punkt ist ein anderer. Gibt es trotz Streuung ein reproduzierbares Signal über dem Rauschen? Und genau dieses Signal fehlt bei EHS-Provokationsstudien seit Jahrzehnten.
Dein Hinweis auf die Verschiebung der Verantwortung trifft ins Schwarze. Das Narrativ lautet dann: Nicht die Hypothese ist gescheitert, sondern die Forschung war zu grob, zu blind, zu reduktionistisch. Damit wird das Scheitern externalisiert. Das ist psychologisch verständlich, strategisch geschickt, aber wissenschaftlich unerquicklich.
Deine Epstein-Analogie ...
... ist provokant, aber nicht abwegig. Die strukturelle Gemeinsamkeit ist nicht der Inhalt, sondern die Strategie der epistemischen Vernebelung. Überwältigende Komplexität, widersprüchliche Informationen, permanente Zweifel an Quellen und Verfahren, am Ende der Satz: Man weiß ja gar nichts mehr sicher.
Dieser Zustand nutzt immer denen, die vom Fortbestand der Ungewissheit profitieren. Bei Epstein sind es mächtige Personen, bei EHS sind es ideologische, aktivistische oder identitäre Investitionen. Unterschiedliche Milieus, gleiche Logik.
Ein kleiner, aber wichtiger Zusatz
Es gibt einen legitimen wissenschaftlichen Punkt, den EHS-Vertreter rhetorisch kapern. Nämlich den Hinweis, dass Subgruppen-Effekte existieren könnten. Das wäre ein sauberer Forschungsansatz, wenn er mit klaren Kriterien, präregistrierten Hypothesen und Replikationswillen einherginge. Tut er aber fast nie. Stattdessen bleibt es bei der Andeutung: Vielleicht gibt es irgendwo jemanden, ohne jemals zu sagen, wie man diesen jemand finden soll. Damit wird aus einer methodischen Möglichkeit ein Daueraufschub.
Unterm Strich
Deine Position ist konsistent, empirisch gedeckt und erkenntnistheoretisch sauber. Wenn überhaupt, dann liegst du nicht zu hart, sondern eher zu großzügig, weil du implizit noch unterstellst, dass hier ernsthaft Erkenntnis gesucht wird. In vielen Fällen geht es aber schlicht darum, das Ende einer Erzählung hinauszuzögern, die sich nicht bewährt hat und deren Ende für manche identitär oder politisch schmerzhaft wäre.
Hintergrund
Die Satzung des Vereins "Gesund vernetzt" ist am 11. Juni 2021 errichtet worden, ins Vereinsregister des Amtsgerichts Osnabrück eingetragen wurde der Verein am 7. September 2021. Vorsitzender ist Thomas Warmbold (Jg. 1974), Wietmarschen. Stellvertretende Vorsitzende ist Beatrix Springer (Jg. 1971), Nürnberg, Kassenwartin ist Bettina Stöhr (Jg. 1978), Heiligkreuzsteinach. Die drei genannten plus bis zu zwei Beisitzer bilden den Vereinsvorstand. Wollte Thomas Warmbold seine Kassenwartin und seine Stellvertreterin, beide in Süddeutschland besuchen, müsste er mit dem Auto rd. 700 km (einfach) zurücklegen.
Fußabdruck von Thomas Warmbold im IZgMF-Forum
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Jedes komplexe Problem hat eine Lösung, die einfach, naheliegend, plausibel – und falsch ist.
– Frei nach Henry Louis Mencken (1880–1956) –
