EHS-Provokationstest für Anfänger (Elektrosensibilität)

H. Lamarr @, München, Montag, 12.01.2026, 19:02 (vor 10 Stunden, 35 Minuten)

Die Angst zu versagen, lässt überzeugte "Elektrosensible" um Provokationstests gerne einen großen Bogen machen. Ersatzweise wird lieber verkündet, dass De-Exposition die Symptome schnell zum Abklingen bringt. Wissenschaftlich sind solche Bekundungen jedoch in aller Regel wertlos. Wer Gewissheit über seinen EHS-Status haben möchte, kann zuhause unbeobachtet einen belastbaren Provokationstest machen. Dazu braucht es neben der Anleitung nur Willenskraft, Zeit und einen Helfer.

Unter strenger wissenschaftlich Aufsicht hat bislang weltweit noch kein überzeugter Elektrosensibler einen EHS-Provokationstest bestanden. Dabei hat es nicht an Anstrengungen gefehlt, die Testmethodik zu optimieren. Eine beliebte Erklärung fürs Scheitern war, dass EHS-Probanden auf der Anreise zum Ort eines Provokationstests so stark "verstrahlt" (de-sensibilisiert) wurden, dass sie die Feldexposition anlässlich des Tests nicht mehr erkennen konnten. Die Forschung reagierte darauf und entwickelte Provokationstests, die im Haus oder in der Wohnung von EHS-Probanden stattfinden konnten. An den Testergebnissen änderte dieser methodische Fortschritt jedoch nichts.

Untaugliche EHS-Selbstversuche

In anekdotischen Fallgeschichten beteuern Betroffene zuweilen, ihre Symptome würden im Keller oder im Wald schnell verschwinden. Diese Wirkung von De-Exposition wird von Betroffenen als überzeugender Beweis gesehen, dass sie sich ihr Leiden nicht einbilden. Laien mögen sie damit beeindrucken, Wissenschaftler aber winken ab. Denn mit dem Ortswechsel verändert sich nicht allein die HF-EMF-Exposition, sondern zig andere Einflussgrößen wie Luftzusammensetzung, Lufttemperatur, Stresspegel, Luftdruck, Geräuschpegel, Chemikalieneinwirkung und Sonneneinstrahlung. Sie alle stehen in Konkurrenz zu HF-EMF und können einzeln oder in Summe kausal die Symptomlinderung bewirken.

[image]◄ Bild: Copilot von Microsoft

Nicht weniger nutzlos sind aufs Geratewohl durchgeführte Provokationstests. Wer z.B. glaubt, W-Lan-Exposition raube ihm den Schlaf, könnte auf die glorreiche Idee kommen, W-Lan wiederholt nachts mal abzuschalten und mal nicht und die Wirkung dieser Maßnahme auf seinen Schlaf zu beobachten. Mit großer Wahrscheinlichkeit wird so ein Experiment zu dem Ergebnis führen, dass der Schlaf ohne W-Lan besser ist. Auch dazu kursieren in der Szene der Elektrosmoggegner diverse Fallberichte. Gleichwohl nutzlos ist ein derartiges Experiment, weil der Betroffene selbst W-Lan ein- und abgeschaltet hat. Er wusste deshalb genau, wann es abgeschaltet war und schlief womöglich nur wegen dieser Kenntnis besser, so wie er mit eingeschaltetem W-Lan schlechter schlief, weil er auch davon Kenntnis hatte. Doch Menschen ändern unbewusst ihr natürliches Verhalten, sobald sie wissen, dass sie an einer Studie teilnehmen (Hawthorne-Effekt). Um valide Ergebnisse zu bekommen, hätte der Proband sein W-Lan nicht selbst ein- und ausschalten dürfen, sondern diese Aufgabe einem Helfer übertragen müssen. Nur gänzlich ohne Kenntnis des W-Lan-Aktivitätsstatus, hätte der Proband seinen Schlaf unbeeinflusst bewerten können. Schon ein kurzer Blick aufs W-Lan-Symbol in der Kopfleiste seines Smartphones hätte die "Verblindung" des Experiments zunichtegemacht.

Semiprofessioneller EHS-Provokationstest

Anscheinend ist es keineswegs kinderleicht, einen brauchbaren EHS-Provokationstest auf die Beine zu stellen, mit dem "Elektrosensible" selbst herausfinden können, ob sie künftig unbesorgt an wissenschaftlichen Provokationstests teilnehmen dürfen – oder besser zuhause bleiben.

Doch so einen Test gibt es. Ausgearbeitet wurde er von dem Forschungsprojekt MedNIS. Das Akronym steht für Schweizerisches medizinisches Beratungsnetz für nichtionisierende Strahlung. Es wurde im September 2023 offiziell eingerichtet. Koordiniert wird es durch das Institut für Hausarztmedizin der Universität Freiburg (Schweiz) im Auftrag des Bundesamts für Umwelt (BAFU) der Schweizerischen Eidgenossenschaft. Beschrieben ist der Test in dem nur vier Seiten umfassenden Dokument Elektromagnetische Felder, Blindprovokationstest. Anzuwenden ist der Test auf die Expositionsquellen:

► W-Lan (WiFi)
► Mobiltelefon mit mobilen Daten und aktiviertem oder nicht aktiviertem Bluetooth
► Festnetztelefon (DECT)
► Verbundene Geräte (Uhr, Drucker, Kopfhörer, Lautsprecher, Radiowecker, Babyphone usw.)

Die Beschreibung ist meines Erachtens ausreichend, um einen EHS-Provokationstest mit Bordmitteln durchführen zu können, der brauchbar genug ist, um im Erfolgsfall ernsthaftes wissenschaftliches Interesse am konkreten Fall zu wecken. Erfolgsfall bedeutet konkret: Von 30 Testläufen müssen mindestens 21 erfolgreich absolviert werden, muss also der Proband die momentane Feldsituation (Feld an oder aus) zutreffend erkannt haben. Dann ist die Wahrscheinlichkeit, dass das Ergebnis auf Zufall beruht, weniger als 2,2 Prozent. Ein Beweis für "Elektrosensibilität" ist jedoch selbst dieser an sich gute Wert nicht. Dies leuchtet ein, wenn man sich vor Augen hält: Im Durchschnitt von 50 Personen, welche die Testantworten zufällig geben (Feld an oder aus), ist statistisch 1 Person dabei, die ein Ergebnis von mindestens 21 richtigen (übereinstimmenden) Antworten haben wird, obwohl sie die Exposition gar nicht wahrnimmt! Diese Person begeistert als "Trefferkönig" zu feiern wäre offensichtlich ein grober Irrtum. Damit sollen "Elektrosensible" nicht entmutigt werden, sich an den Test heranzuwagen, vielmehr soll das Zahlenbeispiel deutlich machen, warum Wissenschaft ganz andere strengere Bewertungsmaßstäbe hat als Pseudowissenschaft.

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Jedes komplexe Problem hat eine Lösung, die einfach, naheliegend, plausibel – und falsch ist.
– Frei nach Henry Louis Mencken (1880–1956) –

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