Million-Women-Studie: Dariusz blickt zurück im Zorn (Forschung)

H. Lamarr @, München, Dienstag, 16.08.2022, 23:52 (vor 679 Tagen) @ H. Lamarr

2013 berichteten die Autoren einer großen prospektiven Hirntumorstudie mit mehr als 1 Million Frauen in einer ersten Follow-up-Auswertung, die Nutzung von Mobiltelefonen zeige keinen Zusammenhang mit der Entwicklung von Hirntumoren. Jetzt, 2022, liegt das zweite Follow-up vor, das sich auf mehr Daten stützen kann, jedoch zu keinen anderen Ergebnissen kommt.

Dariusz Leszczynski ist kein Fan der Mobilfunk-Hirntumorauswertung, die im Rahmen der Million-Women-Studie stattfindet. Bereits beim ersten Follow-Up 2013 spuckte er wegen der Fragen an die Studienteilnehmerinnen zu deren Mobiltelefongebrauch Gift und Galle. Damals publizierte er das, was er inzwischen auf seinem eigenen Blog schreibt, noch auf den Leserseiten der Washington Times. Weil es diese Seiten nicht mehr gibt, hat Dariusz seinen Eintrag vom Oktober 2013 aus einem privaten Backup wiederhergestellt und heute seinem Blog einverleibt. Hier der Kern seiner Kritik in deutscher Übersetzung:

[...] Die für die Studie eingeholten Informationen über die Strahlenbelastung durch Mobiltelefone lauteten wie folgt (Zitat aus der Million Women Study):

"Die Frauen in der Studie wurden zweimal zum Gebrauch von Mobiltelefonen befragt. In einer zwischen 1999 und 2005 durchgeführten Umfrage (auf die etwa 65 % der 1996-2001 rekrutierten Frauen geantwortet haben [sic!]) wurden die Frauen gefragt: 'Wie oft benutzen Sie ein Mobiltelefon?', wobei ihnen drei Antwortmöglichkeiten gegeben wurden: 'nie', 'weniger als einmal am Tag', 'jeden Tag'; und 'Wie lange benutzen Sie schon ein Mobiltelefon?' (die Teilnehmerinnen wurden gebeten, die Gesamtzahl der Jahre der Nutzung anzugeben)."

Die Autoren haben keine Informationen über die Handynutzung pro Tag oder Woche eingeholt. Handynutzer, die nur wenige Minuten oder aber Stunden pro Woche telefonieren, wurden gemeinsam analysiert. Wenn man die Latenzzeit von Hirntumoren betrachtet, war der Nachbeobachtungszeitraum viel zu kurz, um relevante und zuverlässige Informationen zu liefern. Diese äußerst begrenzten Informationen über die Exposition gegenüber der Handystrahlung sind absolut unzureichend, um festzustellen, ob die Exposition in einem kausalen Zusammenhang mit Krebs steht oder nicht.

Die Unzulänglichkeit der gesammelten Informationen über die Exposition ist sehr beunruhigend. Das ist so, als würden Wissenschaftler das Gesundheitsrisiko bei Rauchern bewerten, ohne zu fragen, wie viele Zigaretten pro Tag jemand raucht.

Die Millionen-Frauen-Studie hat ein mangelhaftes Expositionsdesign, das zu mangelhaften Ergebnissen führt und mit mangelhaften Schlussfolgerungen endet. [...]

Seinerzeit fragte der Finne auch einige andere Wissenschaftler nach deren Einschätzung der Mobilfunk-Hirntumorauswertung im Datenbestand der Million-Women-Studie. Da waren dicke Brummer mit dabei: Mike Repacholi, Michael Kundi, Bruce Armstrong, Joel Moskowitz, Mark Elwood und Elisabeth Cardis. Ein Haar in der Suppe fanden alle, auch Repacholi, jeder aber ein anderes :-).

Spontan stimme ich Dariusz' Kritik an den doch ziemlich ungenauen Fragen zu, die Nutzungsgewohnheiten hätte man auch mMn genauer abfragen können. Aber: Ich bin genauso wenig wie Dariusz ein Epidemiologe. Und in meinem Leben passiert es nicht selten, dass ich einem plausibel vorgetragenen Sachverhalt, der sich jenseits meines Kompetenzradius' abspielt, zuerst spontan zustimme, bis einer vom Fach kommt, der es nachvollziehbar besser weiß und mich umstimmt. Im konkreten Fall müsste ich jetzt bei Joachim Schüz nachfragen, ob es zwingende Gründe gab, die Fragen zur Mobiltelefonnutzung so und nicht anders zu stellen. Dazu konnte ich mich aber nicht aufraffen. Der Geist ist willig, doch das Fleisch ist schwach ...

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Jedes komplexe Problem hat eine Lösung, die einfach, naheliegend, plausibel – und falsch ist.
– Frei nach Henry Louis Mencken (1880–1956) –


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