Baumschäden durch Mobilfunkstrahlung: Kronenverlichtung (Allgemein)

H. Lamarr @, München, Sonntag, 03.07.2022, 23:42 (vor 686 Tagen) @ H. Lamarr

Gerne und häufig beklagt die Baumfraktion organisierter Mobilfunkgegner eine Verlichtung von Baumkronen infolge von Mobilfunkeinwirkung. Das hört sich fachmännisch an und wer sich umsieht hat wenig Mühe, Kronenverlichtungen bei Bäumen zu diagnostizieren. Der von Mobilfunkgegnern konstruierte Zusammenhang ist gleichwohl willkürlich. Statistisch zweifelsfrei gesichert ist hingegen jener zwischen dem Alter von zur Miss America gewählten Schönen und der Anzahl der Morde in den USA, die mit heißen Dämpfen verübt wurden.

Die Kronenverlichtung, weiß pflanzenforschung.de, beschreibt den sicht- und messbaren Nadel- oder Blattverlust der Baumkrone. Der Blattverlust kann von innen nach außen (häufigster Typ) oder von außen nach innen erfolgen.

Kronenverlichtung und andere Baumschäden lassen sich nicht eindeutig auf einzelne Einflüsse zurückführen. Es ist davon auszugehen, dass immer verschiedene abiotische und biotische, vom Menschen verursachte und natürliche Faktoren zusammenwirken; darunter:

► Erhöhte Konzentrationen von Stickstoff- und Schwefelverbindungen, die vor allem zu einer Versauerung und Eutrophierung der Böden führen
► Witterungsbedingte Einflüsse (z. B. lange Trockenperioden)
► Überdurchschnittlicher Ansatz von Früchten (zum Beispiel in sogenannten Mastjahren bei Eiche und Buche)
► Altersbedingte Schäden des Baumes

Die unterschiedlichen Faktoren können sich auch gegenseitig beeinflussen: Hohe Stickstoffeinträge können das Wachstum von Bäumen fördern, aber auch die Anfälligkeit gegenüber Witterungsextremen sowie Schädlings- und Krankheitsbefall erhöhen.

Gemäß der Waldzustandserhebung 2021 des Bundesministeriums für Ernährung und Landwirtschaft hat nur einer von fünf Bäumen eine nicht verlichtete gesunde Baumkrone. Dieser Umstand begünstigt Mobilfunkgegner, die in der Umgebung eines Mobilfunkstandorts nach Bäumen mit Kronenverlichtung Ausschau halten. Besonders begehrte sind Fotoobjekte, deren Krone zufällig auf der Seite verkahlt, die dem Mobilfunkstandort zugewandt ist. Dies soll Laien überzeugen, der Schaden würde durch EMF-Einwirkung verursacht.

Wenn von 90 Mrd. Bäumen in Deutschland 4/5 (72 Mrd.) eine mehr oder weniger starke Kronenverlichtung zeigen, es hierzulande jedoch nur rd. 73'000 Mobilfunkstandorte gibt, dann muss es zahllose Bäume mit Kronenverlichtung ohne Sichtverbindung zu Mobilfunkstandorten geben (z.B. in Funklöchern). Schon diese simple Überlegung spricht gegen die These der Gegner und für die oben genannten plausibleren Gründe der Pflanzenforscher.

Noch eine simple Überlegung: Wenn Mobilfunk Bäumen zu schaffen macht, dann müsste der Wald vor 1992 (Einführung des GSM-Massenfunks) gesund gewesen sein oder wenigstens deutlich gesünder als heute. Damals gab es zwar das von der Deutschen Bundespost betriebene C-Netz in Deutschland, das jedoch nur maximal 850'000 Teilnehmer bedienen konnte und deshalb mit erheblich weniger Senderstandorten auskam als unsere heutigen Mobilfunknetze.

Dieser wunderschön vergilbte Waldzustandsbericht von 1992 ist jedoch nicht weniger dramatisch als der von 2021. Dort ist u.a. zu lesen:

[...] Die Zeitreihe seit 1984 ergibt für die alten Länder zunächst einen Anstieg der deutlichen Schäden, gefolgt von einer Stagnation auf hohem Niveau bis 1989 (16 %). Für das Jahr 1990 liegt aufgrund der schweren Sturmschäden kein Bundesergebnis vor. 1991 stieg der Anteil der deutlichen Schäden an (auf 21 %), diese Entwicklung setzte sich im Jahr 1992 weiter fort (Zunahme um 3 %-Punkte auf inzwischen 24 %). Damit ist der bisher höchste Stand seit 1984 erreicht. [...]

Offensichtlich haben auch ganz ohne moderne dichte Mobilfunknetze die deutlichen Kronenverlichtungen im deutschen Wald im Zeitraum 1984 bis 1992 von 16 Prozent auf 24 Prozent zugenommen.

Ausgehend von der Genfer Luftreinhaltekonvention von 1979 und dem Internationalen Kooperationsprogramm Wälder (ICP Forests) verabschiedeten das Europäische Parlament und die EU-Kommission 1986 die Verordnung Nr. 3528/86 „Schutz des Waldes gegen Luftverschmutzung“ und schrieben damit die jährliche Erhebung des Kronenzustandes für die Mitgliedstaaten der EU verbindlich vor. Die Erhebung beruht auf einer Stichprobe des Vitalitätszustands von etwa 10'000 Bäumen (Quelle).

Eine schöne Grafik der prozentual von Kronenverlichtung betroffenen Bäume im deutschen Wald von 1984 bis 2021 zeigt das folgende Bild:

[image]
Quelle: Waldzustandserhebung 2021

Wie sich unschwer erkennen lässt, erholte sich der Wald mit Einführung des GSM-Mobilfunks ein wenig bis 2002, dann ging es ihm mit Einführung von UMTS bis 2008 etwas schlechter, danach erholte er sich bis 2016 und seither geht es deutlicher denn je bergab. Wahrscheinlich muss man pensionierter oder passionierter Mobilfunkgegner sein, um in diesem ereignisgesteuerten Auf und Ab der Kronenverlichtungen einen tatsächlichen Zusammenhang mit Mobilfunk zu erspähen, der für alle anderen jedoch unsichtbar bleibt. Wer sich an weiteren, sogar echten aber dennoch völlig blödsinnigen Korrelationen erfreuen möchte und des Englischen mächtig ist, der findet hier seinen Spaß und kann sich z.B. wissenschaftlich exakt davon überzeugen lassen, dass zwischen der Scheidungsrate im US-Bundesstaat Maine und dem Margarine-Pro-Kopf-Verbrauch der Bevölkerung ein eindeutiger Zusammenhang besteht.

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Jedes komplexe Problem hat eine Lösung, die einfach, naheliegend, plausibel – und falsch ist.
– Frei nach Henry Louis Mencken (1880–1956) –

Tags:
Baumschäden, Krohnenverlichtung


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