Brüssel: Elektrosmog-Messtechnik löste Terroralarm aus (Allgemein)

H. Lamarr @, München, Donnerstag, 21.07.2016, 14:45 (vor 3575 Tagen)

Auszug aus Blick vom 20. Juli 2016:

[image]Im Zentrum von Brüssel hat ein iranischer Physik-Student vorübergehend Terroralarm und einen Grosseinsatz der Polizei ausgelöst. Der Mann hatte am Mittwoch Verdacht erregt, weil er mit einem langen Mantel unterwegs war, unter dem Drähte herausragten.

Erst nach fünf Stunden konnten die Sicherheitsbehörden Entwarnung geben: es habe ein Verständigungsproblem mit dem Iraner geben, der Radioaktivitäts-Messungen angestellt habe.

So oder so ähnlich ging gestern abend eine AFP-Meldung um die Welt. Das Foto (Quelle: Conflits_FR) macht deutlich, dass die in einigen Berichten gebrauchte Formulierung vom knienden Mann mit verschränkten Armen nur die zweitbeste Übersetzung ist, denn wenn einer die Hände hinterm Kopf verschränkt knien muss, hat dies eine ganz andere Bedeutung. Was genau der Student in Brüssel messen wollte, darüber gingen die Meinungen in den Medien auseinander, anstelle von Radioaktivität ist zuweilen auch von Strahlung die Rede, womit elektromagnetische Felder gemeint sein könnten. Die Welt berichtet unter Berufung auf die Universität Gent, an der der junge Mann studiert:

Die Universität Gent erklärte am Abend, der Mann sei ein iranischer Doktorand. Er habe als Teil einer Studie eine spezielle Ausrüstung getragen, um radioaktive Strahlen in der Stadt und auf dem Land zu messen. Es habe sich um den "Prototyp" eines Messgeräts in Form einer Jacke mit Kabeln und Batterien gehandelt, die Verdacht erregt habe, sagte ein Universitätssprecher der Nachrichtenagentur Belga.

Doch wie kann die Universität etwas erklären, wenn sie seit 16. Juli und noch bis 24. Juli geschlossen ist? Diese Information habe ich vom Autoresponder der Pressechefin der Uni, die ich heute um Auskunft bat, was genau der Student messen wollte und wieso er dazu einen Wintermantel tragen musste. Kurz darauf meldete sich Stephanie Lenoir selbst und widersprach den Medienberichten: Der Student habe elektromagnetische Felder messen wollen, wie sie von Mobiltelefonen ausgehen. Was den Mantel angeht, schreibt sie weiter, habe sie praktisch keine Informationen. Sie könne sich jedoch denken, die Messtechnik benötige Platz, den ein dicker Wintermantel besser böte als eine luftige Sommerjacke.

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Jedes komplexe Problem hat eine Lösung, die einfach, naheliegend, plausibel – und falsch ist.
– Frei nach Henry Louis Mencken (1880–1956) –

Brüssel: Hintergründe des Sprengbombers, der keiner ist

Gast, Sonntag, 24.07.2016, 15:19 (vor 3571 Tagen) @ H. Lamarr

Kurz darauf meldete sich Stephanie Lenoir selbst und widersprach den Medienberichten: Der Student habe elektromagnetische Felder messen wollen, wie sie von Mobiltelefonen ausgehen.

Ja, das ist richtig. Die Universität Gent hat ein experimentelles Personenexposimeter (PDE) entwickelt, das mit drei am Körper getragenen Drahtantennen arbeitet. Zwei Antennen sind vorne an einem T-Shirt mit Klebestreifen befestigt, eine hinten. Vorteil dieser Anordnung: Der Körper eines Menschen kann HF-Signale je nach Einfallsrichtung nicht mehr absorbieren, richtungsabhängige Messwertverfälschungen, wie bei Personenexposimetern mit integierter Antenne, sind passé. Ein mobiler Messempfänger zeichnet die Messsignale der drei Antennen für die spätere Auswertung auf. Zur Kalibrierung des neuen Messsystems wurden als Referenz zwei EMF-Personenexposimeter vom Typ ExpoM-RF verwendet, diese sollen von den derzeit verfügbaren Personenexposimetern die genauesten sein. Sie wurden seitlich links/rechts an der Hüfte getragen. Zwei, damit Abschattungen durch den Körper des Trägers folgenlos blieben.

Da das Ganze am Körper miteinander verkabelt ist, Batterien den Betriebsstrom liefern und zudem ein handbetätigter Ein/Aus-Schalter an zwei Drähten zu sehen ist, kann für Außenstehende tatsächlich leicht der Eindruck entstehen, ein derart verdächtig ausgestatteter Mann sei ein Selbstmordattentäter aus dem Orient. Das wusste auch der junge Mann. Deshalb verdeckte er Antennen, Drähte, Batterien und Messtechnik so gut es eben ging mit einer Jacke, wie er es zuvor schon praktiziert hatte. Die einzige Funktion dieser Jacke ist der Sichtschutz, um Passanten nicht zu beunruhigen. Dass der iranische Student bei 32 °C im Schatten ausgerechnet einen Wintermantel getragen haben soll ist wahrscheinlich ebenso eine Falschmeldung wie die Darstellung vieler Medien, er habe Radioaktivität messen wollen.

Dem Studenten war die verstörende Wirkung seines "drahtigen" Auftretens sehr wohl bewusst, schließlich war sein Messgang am 20. Juli in Brüssel nur einer von vielen. Weil der angehende Doktor der Naturwissenschaften aus Iran jedoch keine der belgischen Landessprachen spricht, trägt er bei seinen Messgängen stets ein Schreiben auf französisch mit sich, das im Ernstfall über seinen seltsamen Aufzug Auskunft gibt. Doch für den jungen Mann wäre es am Mittwoch lebensgefährlich gewesen, im Visier von Polizisten Hände hinterm Kopf auf dem Pflaster kniend zu versuchen, das alles erklärende Schreiben aus der Tasche zu ziehen. Der Griff hätte nur zu leicht missverstanden werden können.

Ob der Student unter diesen Umständen einen Teil der Kosten des Polizeieinsatzes in Brüssel tragen muss, wie einige Medien schrieben, bleibt abzuwarten. Fair wäre es nicht.

Hintergrund
Measuring personal exposure from 900 MHz mobile phone base stations in Australia and Belgium using a novel personal distributed exposimeter
Bayerisches Landesamt für Umwelt verleiht unentgeltlich Mobilfunk-Personendosimeter

Tags:
Polizeieinsatz

Sprengbomber: Neue Publikation

Dr. Ratto, Donnerstag, 08.09.2016, 11:04 (vor 3526 Tagen) @ Gast

Die Universität Gent hat ein experimentelles Personenexposimeter (PDE) entwickelt, das mit drei am Körper getragenen Drahtantennen arbeitet.

Neue Ergebnisse des belgischen Studenten wurden veröffentlicht:

Assessment of personal exposure from radiofrequency-electromagnetic fields in Australia and Belgium using on-body calibrated exposimeters.

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