Athem 3: Rechnen im Rauschen (Forschung)

Schutti2, Donnerstag, 28.05.2026, 15:57 (vor 10 Tagen) @ H. Lamarr

... haben die Autor*innen der Studie dabei die Anzahl der detektierten dizentrischen Chromosomen mittels einer nicht weiter spezifizierten Gleichung aus einem von der IAEA publizierten Dokument [2] in eine Dosis umgerechnet.

Ich hatte die Autoren einmal gefragt, welche Gleichung aus der IAEA-Publikation von 2011 [1] denn verwendet worden sei.
Die Antwort:
Es sei mit der Gleichung (18) auf Seite 74 gerechnet worden, wobei der quadratische Term vernachlässigt wurde.
Also: Y = C + αD
Hierin seien
D die Dosis in Gray (Gy)
Y die Rate der dizentrischen Chromosmenaberrationen in der exponierten Gruppe
C die Rate der dizentrischen Chromosmenaberrationen in der Kontrollgruppe
α mit 0,0364/Gy der lineare Koeffizient, entnommen aus dieser Arbeit von Lloyd et al. aus dem Jahr 1986 [2]

In Gulati et al. ("ATHEM-3") [3], dort in Tabelle 4, sind die Werte für Y mit 0,7 (+-0,2) % und C mit 0,4 (+-0,2) % angegeben.

Wenn man die obige Gleichung nach D umstellt und einfach die Zahlen einsetzt, kann man die Rechnung formal nachvollziehen. Eine Dosis von fast 80 Milligray, wow! Gulati et al. setzen Milligray mit Millisievert gleich - geschenkt.

Dennoch bleibt es in meinen Augen Kaffeesatzleserei.

Der Kaffesatz ist hier das untere Ende einer Kurve, wo die Effekte im Rauschen verschwinden. Egal ob man Blutzellen untersucht oder die Häufigkeit von Krankheiten in großen Personengruppen: Bei ionisierender Strahlung unterhalb einer Dosis von etwa 0,1 Gray bzw. 100 Millisievert sieht man nur noch Rauschen.

In den Arbeiten [1] und [2] geht es um extrem starke und gleichzeitig sehr kurz einwirkende ionisierende Strahlung, wie sie bei Strahlenunfällen auftritt. Das Thema: Nach solchen Unfällen im Nachhinein aus Blutproben die erhaltene Dosis berechnen.
In [2] wurden z.B. Blutproben wenige Sekunden lang mit einer Intensität von 1000 Milligray pro Minute (!) bestrahlt. Das ist 600 Millionen mal stärker als die natürliche Hintergrundstrahlung.
Die applizierten Kurzzeit-Dosen in [2] lagen zwischen 50 und 6000 Milligray, die Effekte am Anfang der Kurve: Rauschen. Siehe dort Tabelle 1 in der Arbeit.
Oder siehe in der IAEA-Veröffentlichung [1] die Grafik in Abb. 24. Am unteren Ende ist nur Rauschen.

Und auch der Dateninput aus ATHEM-3, was die dizentrischen Chromsomen betrifft, ist kaum mehr als Rauschen (siehe oben):
Exponiert: 0,7 (+-0,2) %
Kontrollgruppe: 0,4 (+-0,2) %

Daraus und mit einer verkürzten Formel, die für viel höhere Strahlendosen abgeleitet wurde, kann man beliebiges ausrechnen.
Z.B. aus dem kleinsten messbaren Unterschied zwischen beiden Gruppen, also 0,1 %, folgt mit der oben genannten Gleichung: 27 Millisievert. Man rufe laut "27 mal mehr als erlaubt!!!":surprised:

Und es bleibt doch:
Äpfel (Funkwellen) mit Birnen (Röntgenstrahlen) vergleichen mithilfe eines Blicks durch die Lupe auf den Kaffeesatz (Rauschen).

Tags:
Röntgenstrahlung, Gray


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