Wie zwei trächtige Kühe beinahe das Mobilfunkzeitalter beendeten (Allgemein)
Im Emmental sind zwei Kühe ausgebüxt. Ein an sich unspektakulärer Vorgang, der tagtäglich irgendwo zwischen Nordsee und Alpen passiert. Doch diesmal war es anders. Denn in der Nähe stand ein Funkmast. Und wo ein Funkmast steht, ist das Ende der landwirtschaftlichen Vernunft meist nicht weit. Aus einem simplen Ausbruch wurde so ein Lehrstück über Monster, Strahlung und die erstaunliche Fähigkeit mancher Erzählungen, neun Monate lang zu reifen, bevor sie plötzlich als warnendes Gleichnis über die moderne Technik zur Welt kommen.
◄ Bild: Microsoft Copilot
Ein Datum mit metaphysischer Tiefenschärfe
Die Geschichte soll sich am 20. April 2025 (Ostersonntag) zugetragen haben, erzählt uns Baron Jakob von Gigaherz todernst. Ein denkwürdiger Tag. Hitlers Geburtstag. Schon wieder. Wer wollte ausschließen, dass historische Resonanzen, dunkle Schwingungen oder karmische Verwerfungen an diesem Datum besonders stark auf Rinder einwirken? Kühe gelten als sensible Tiere. Vielleicht zu sensibel für solche Jahrestage.
Das Monster auf dem Hügel
Der nahegelegene Funkmast wird als „Monster“ bezeichnet. Ein Begriff, der Respekt einflößt und Erwartungen weckt.
Bei nüchterner Betrachtung bleibt davon allerdings wenig übrig. Das angebliche Monster wirkt eher wie ein schüchternes, etwas drahtiges Monsterchen mit Antennenarmen. Wer wissen will, wie ein echtes Monster aussieht, sollte vielleicht weniger auf Emmentaler Hügel, sondern öfter ins Kino schauen oder auf dieses Prachtexemplar, das sechs Meter neben einem Neubau stand.
Trächtige Kühe am Steilhang
Die beiden Mutterkühe waren trächtig. Das ist kein atmosphärisches Detail, sondern eine ziemlich profane Erklärung. Trächtige Rinder meiden bei fortgeschrittener Schwangerschaft Steilhänge. Sie halten sich bevorzugt im flachen Gelände auf. Genau dort wurden die Tiere auch gesehen. Keine Strahlung nötig, kein Monster, keine Mystik. Biologie reicht völlig aus.
Was Kühe wirklich in Panik versetzt
Rinder geraten nicht wegen Funkmasten in Panik. Sehr wohl aber wegen Hunden. Oder Wölfen. Oder Dingen, die nach Hund oder Wolf aussehen. Auch ein Mensch mit ungünstiger Körpersprache kann reichen. Und ja: Der Anblick eines Schlachters soll ebenfalls schon zu spontanen Fluchtentscheidungen geführt haben. Kühe sind da erstaunlich pragmatisch.
Das Handy als Strahlenverstärker
Besonders hübsch wird die Geschichte bei der Suche nach den entlaufenen Tieren. Jakob soll mehrfach mit der mobilen Suchmannschaft telefoniert haben. Mobil. Per Handy. Man stelle sich die Szene vor: Kaum wählt er die Nummer, beginnt das Funkmastmonsterchen auf dem Hügel zu strahlen. Vielleicht besonders intensiv. Vielleicht besonders bedrohlich.
Haben sich die Kühe deshalb versteckt? Haben sie reglos im Gras gelegen, den Atem angehalten und gehofft, vom elektromagnetischen Blick des Monsters nicht erfasst zu werden? Das würde zumindest erklären, warum sie so schwer zu finden waren. Gegen HF-EMF-getarnte Kühe ist selbst die beste Suchmannschaft machtlos.
Nebenbei gefragt: Wozu eigentlich diese vielen Telefonate? Zur Koordination? Oder war Jakob am Ende selbst der Entführer und verhandelte diskret über Lösegeld? Dexter-Kühe sind wertvoll. Und ohne Gespräche keine Dramaturgie.
Die Spatzen und andere Märchenbewohner
Zur gern zitierten Spatzenanekdote sei nur angemerkt, dass es hierzu bereits eine nüchterne Einordnung gibt: Nicht alles, was flattert, ist ein Beweis.
Warum erst jetzt?
5G wird in der Schweiz seit 2019 ausgerollt. Sechs Jahre lang passiert: nichts. Keine Massenfluchten. Keine panischen Herden. Und dann, im April 2025, büxen exakt zwei Kühe aus.
Das wirft Fragen auf. In der Schweiz leben rund 1,53 Millionen Rinder. Die 5G-Versorgung ist nahezu flächendeckend. Wenn Mobilfunk tatsächlich derart panikauslösend wirkt, müsste man eigentlich täglich Kühe zählen, die in Richtung Alpenhauptkamm oder EU-Außengrenze galoppieren. Stattdessen bleibt es bei exakt zwei Exemplaren. Statistik als Feind des Märchens.
Die späte Geburt einer Geschichte
Bleibt die Frage, warum diese Story erst jetzt erzählt wird. Neun Monate später. Fast so, als habe sie selbst eine Tragezeit gehabt. Eine mögliche Erklärung drängt sich auf. Angesichts mancher grotesker aktueller Aktionen ist es offenbar hilfreich, die Bevölkerung mit anschaulichen Gruselgeschichten gegen Mobilfunk zu mobilisieren. Sachverstand oder Fachwissen braucht dabei niemand. Märchen funktionieren auch ohne. Kühe, Monsterchen, Handys – das genügt völlig.
Schlussbemerkung
Fortsetzung nicht ausgeschlossen. Märchen haben kein Verfallsdatum. Sie werden immer dann weitererzählt, wenn sie gerade gebraucht werden.