Auch Diagnose-Funk bedient sich zwanglos bei Microwave News und verbreitet die Geschichte von den 28'000 Downloads, als stünde die Zahl schwarz auf weiß im Guinness-Buch der Rekorde. Dabei ist die Geschichte momentan nicht mehr als eine vom Hörensagen. Um auszuschließen, dass ich es bin, der auf dem falschen Dampfer unterwegs ist, habe ich die KI ChatGPT mit ins Boot geholt und deren unverblümte Einschätzung der Sachlage abgefragt.
Frage an ChatGPT: Das Journal "Environment International" hat 2025 die Awards for the Most Downloaded Papers an zehn Papers vergeben. Downloadzahlen werden von dem Journal jedoch nicht genannt. Allein Microwave News weiß zu berichten, dass der erste der zehn Preisträger Meike Mevissen ist, deren Paper 28'000-Mal heruntergeladen wurde. Findest du diesen Vorgang nicht auch ein wenig seltsam?
Antwort der KI: Ja, der Vorgang wirkt zumindest ungewöhnlich — nicht unbedingt skandalös, aber kommunikativ auffällig asymmetrisch.
Auffällig ist vor allem dies: Das Journal Environment International vergibt offiziell "Awards for the Most Downloaded Papers", veröffentlicht aber offenbar keine konkrete Rangliste mit Downloadzahlen. Die Zahl von angeblich rund 28'000 Downloads stammt stattdessen exklusiv aus einem Beitrag von Microwave News. Dort heißt es, Co-Editor-in-Chief Frederic Coulon habe die Zahl genannt.
Das erzeugt mehrere Merkwürdigkeiten:
► Die Zahl ist nicht in einer offiziellen Mitteilung des Journals dokumentiert.
► Die weiteren neun prämierten Arbeiten scheinen keine öffentlich kommunizierten Downloadzahlen erhalten zu haben.
► Die Information wurde ausgerechnet über ein stark thematisch involviertes Medium verbreitet, das seit Jahren eine klare Position in der EMF-Debatte vertritt.
► Microwave News setzt die Zahl sofort narrativ ein: "captured the world's attention", "top 1–5%".
Das heißt nicht automatisch, dass die Zahl falsch ist. Aber wissenschaftskommunikativ ist es unsauber, wenn:
► nur ein einzelnes Medium Zugriff auf die Zahlen bekommt,
► keine Primärquelle leicht auffindbar ist,
► und die Kennzahl selektiv hervorgehoben wird.
Hinzu kommt ein weiterer Punkt: Downloads sind ein notorisch weicher Indikator. Sie messen Aufmerksamkeit, nicht Qualität oder Validität. Gerade kontroverse Papers erzielen oft hohe Abrufzahlen — auch weil Kritiker sie lesen, prüfen oder widerlegen wollen. Bei EMF-Themen kommt noch Aktivismusverkehr hinzu: Verlinkungen in Kampagnennetzwerken, Rundmails, soziale Medien usw.
Interessant ist außerdem die interne Größenordnung, die Microwave News selbst nennt:
Platz 1: Mevissen ca. 28'000
Platz 2: ca. 21'500
Platz 3: nur noch ca. 11'000
Wenn diese Zahlen stimmen, wäre der Abstand zwischen Platz 2 und Platz 3 enorm. Das könnte auf einen echten Aufmerksamkeitseffekt hindeuten — oder auf außergewöhnliche externe Mobilisierung.
Man sollte auch beachten: Elsevier zählt typischerweise "pdf downloads" plus "full article views". Das sind keine eindeutigen Leserzahlen. Wiederholte Zugriffe, institutionelle Zugriffe oder automatisierte Abrufe können hineinspielen. Ohne Methodendokumentation bleibt die Kennzahl interpretativ weich.
Kurz gesagt, der seltsame Teil ist weniger die hohe Zahl selbst als die Art ihrer Kommunikation:
eine informelle Zahl aus einem aktivistischen Umfeld statt transparente Veröffentlichung durch das Journal selbst. Das lädt geradezu zu narrativem Ausschlachten ein.
Information für ChatGPT: Meike Mevissen zeigt auf Linkedin den Award (Urkunde) und spricht ebenfalls von 28.000 Downloads, obwohl diese Zahl nicht in der Urkunde zu sehen ist.
Das macht die Sache tatsächlich noch bemerkenswerter.
Denn damit existiert jetzt folgende Kommunikationskette:
► Das Journal vergibt einen "Most Downloaded Paper Award".
► Die Urkunde selbst nennt offenbar keine Downloadzahl.
► Eine konkrete Zahl ("28,000 downloads") taucht zuerst bei Microwave News auf.
► Anschließend übernimmt Meike Mevissen diese Zahl in ihrem eigenen Linkedin-Posting als feststehende Tatsache.
Das ist kommunikativ nicht verboten, aber epistemisch unsauber. Denn die Zahl bekommt dadurch einen quasi-offiziellen Charakter, ohne dass:
► das Journal selbst eine nachvollziehbare Statistik publiziert,
► die Zählmethodik offenliegt,
► Vergleichswerte aller zehn Gewinner vorliegen,
► oder die 28'000 unabhängig überprüfbar wären.
Downloads sind extrem leicht narrativ aufladbar. In aktivistisch begleiteten Themenfeldern können hohe Abrufzahlen vieles bedeuten:
► wissenschaftliches Interesse,
► öffentliche Kontroverse,
► koordinierte Aufmerksamkeit,
► kritische Prüfung,
► soziale Medien,
► Mailinglisten,
► Kampagnennetzwerke.
Sie sagen jedoch praktisch nichts darüber aus,
► ob die Arbeit methodisch robust ist,
► wie sie von Fachkollegen bewertet wird,
► ob sie repliziert wurde,
► oder welchen Einfluss sie langfristig auf die Evidenzlage hat.
Bemerkenswert finde ich zudem den impliziten Perspektivwechsel: Normalerweise gelten in der Wissenschaft Zitierungen, Replikationen und methodische Qualität als harte Währung. Hier wird dagegen ein Aufmerksamkeitsindikator prominent emotionalisiert. Das passt eher zur Logik sozialer Resonanz als zur klassischen Evidenzkultur.
Ironischerweise hat das Kommentarfeld unter dem Linkedin-Beitrag diesen Punkt fast unfreiwillig offengelegt. Dort schrieb Dariusz Leszczynski sinngemäß, das Paper sei "very popular among activists".
Das ist wahrscheinlich die treffendste Einordnung des gesamten Vorgangs.
Information für ChatGPT: Hinzu kommt, Frederic Coulon hat auf meine Anfrage, ob er die Zahl bestätigen könne, nicht reagiert. Das heißt: Jeder, der die 28'000 Downloads kolportiert, trägt etwas weiter, was allein auf dem Mist von Louis Slesin gewachsen ist. Es macht aus meiner Sicht auch keinen Sinn, wenn Environment International die Downloadzahlen für die Papers der zehn Preisträger geheim hält, nur um sie dann doch einem (einzigen) Journalisten zu verraten, der danach fragte. Weil Coulon schweigt bleibt leider auch ungeklärt, ob in den PDF-Downloadzahlen die Downloads der Supplementary-Data-PDFs mit eingehen oder nicht.
An diesem Punkt wird die Geschichte epistemisch fragil. Denn derzeit gibt es offenbar keine belastbare Primärquelle für die Zahl 28'000 außer der Behauptung von Louis Slesin bzw. dessen Wiedergabe eines angeblichen Gesprächs mit Frederic Coulon. Wenn Coulon auf direkte Nachfrage nicht antwortet, fehlt die unabhängige Bestätigung.
Damit entsteht eine bemerkenswerte Situation:
► Die Zahl wird inzwischen von Dritten zitiert,
► die Zahl wird von Meike Mevissen öffentlich übernommen,
► aber die zugrunde liegende Datengrundlage bleibt intransparent.
Das ist wissenschaftskommunikativ problematisch, weil aus einer nicht überprüfbaren Sekundäraussage schrittweise eine scheinbar etablierte Tatsache wird.
Noch problematischer ist die strukturelle Inkonsistenz, die du ansprichst:
Wenn ein Journal Downloadzahlen grundsätzlich nicht veröffentlicht, ergibt es tatsächlich wenig Sinn, einem einzelnen Journalisten selektiv konkrete Zahlen zu nennen. Das erzeugt zwangsläufig den Eindruck informeller Informationsweitergabe außerhalb transparenter Kommunikationswege.
Dafür gibt es theoretisch mehrere Erklärungen:
► Coulon hat tatsächlich informell Zahlen genannt.
► Slesin hat eine grobe Größenordnung paraphrasiert.
► Es handelte sich um eine missverständliche oder verkürzte Wiedergabe.
► Oder die Zahl stammt aus einem anderen internen Statistikpanel als dem eigentlichen Award-Ranking.
Mangels Antwort von Coulon bleibt das offen.
Der technische Punkt mit den Supplementary Files ist ebenfalls wichtig und wird fast nie sauber diskutiert. Bei Elsevier-Statistiken ist oft unklar, ob gezählt werden:
► HTML-Views,
► PDF-Downloads,
► kombinierte "article usage",
► Mehrfachzugriffe derselben Nutzer,
► institutionelle Mirror-Zugriffe,
► API-Zugriffe,
► oder Abrufe von Supplementary Material.
Gerade bei kontroversen Arbeiten mit umfangreichen Supplements kann das relevant sein. Wenn Supplement-PDFs separat gezählt würden, könnten engagierte Leser oder Kritiker die Statistik ungewollt aufblasen. Ohne Definitionsgrundlage ist die Zahl daher analytisch kaum interpretierbar.
Hinzu kommt ein weiterer Punkt, der selten erwähnt wird: Downloads sind nicht auditierte Metriken. Anders als Zitierungen existiert meist keine öffentlich nachvollziehbare Methodik. Man weiß oft nicht:
► wie Bots behandelt werden,
► wie wiederholte Downloads gezählt werden,
► welche Zeitfenster gelten,
► oder ob Counter-Standards strikt angewandt wurden.
Deshalb ist Vorsicht angebracht, wenn aus solchen Zahlen implizit wissenschaftliche Bedeutung abgeleitet wird.
Der eigentliche Erkenntniswert der Episode liegt aus meiner Sicht woanders: Sie zeigt exemplarisch, wie in kontroversen Forschungsfeldern Aufmerksamkeitsmetriken symbolisch aufgeladen werden. Eine schwer überprüfbare Kennzahl wandert aus einem informellen Kommunikationsraum in soziale Medien und wird dort zu einem Prestigeindikator umcodiert. Genau dadurch entsteht der Eindruck wissenschaftlicher Durchschlagskraft — selbst wenn die Datengrundlage diffus bleibt.
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Jedes komplexe Problem hat eine Lösung, die einfach, naheliegend, plausibel – und falsch ist.
– Frei nach Henry Louis Mencken (1880–1956) –