Was 97 tote Schwarznasenschafe mit Mobilfunkgegnern zu tun haben (Allgemein)

H. Lamarr, München, (vor 14 Stunden, 29 Minuten)

Bei einem Blitzschlag im Schweizer Kanton Wallis sind in den Bergen 97 Schwarznasenschafe ums Leben gekommen. Da hat Elon Musk Glück gehabt, dass seine 40 Satellitenantennen im benachbarten Leuk noch nicht montiert sind, sonst hätten fanatische Mobilfunkgegner behauptet, der Antennenpark hätte den Blitz angezogen. Wir schauen uns an, warum die vielen Schafe sterben mussten und was das Drama im Nachtpferch auf der Alp Eggerhorn mit der Anti-Mobilfunkszene in Deutschland zu tun hat.

Die Berichterstattung über das Unglück in den Schweizer Bergen ist vielfältig, eine technische Erklärung für die Todesursache der vielen Schafe habe ich jedoch nicht gesehen. Ein wesentlicher Grund für die große Anzahl getöteter Tiere ist der Umstand, dass, als das Unwetter aufzog, die Schafe dicht gedrängt in einem Nachtpferch standen. Dem Vernehmen nach sollte der Nachtpferch die Schafe vor Großraubtieren wie dem Wolf schützen. Prompt wird in der Schweiz jetzt erbittert darum gestritten, ob der Tod der Schafe indirekt dem Wolf anzulasten ist, denn ohne den schützenden Nachtpferch wäre die Anzahl der vom Blitz getöteten Schafe deutlich niedriger gewesen.

Auf den Spannungsunterschied kommt es an

Trifft ein Blitz auf den Erdboden auf, ist die Einschlagstelle für Millisekunden der Mittelpunkt eines "Spannungstrichters". Im Zentrum ist die elektrische Spannung am höchsten, zu den Rändern des Trichters fällt die Spannung linear mit dem Abstand zum Zentrum ab. Ein Spannungstrichter entsteht, weil bei einem Blitzeinschlag kurzzeitig ein starker elektrischer Strom im Erdboden fließt. Stromstärken bis 30'000 A sind keine Seltenheit, bei starken Blitzen können es laut ChatGPT auch 200'000 A sein. Elektrische Spannung entsteht, wenn elektrischer Strom durch einen elektrischen Widerstand fließt. Je höher der Widerstand, desto höher die Spannung. Erdboden hat je nach Beschaffenheit einen spezifischen Widerstand von 10 Ωm bis 1000 Ωm. Schon bei einem Durchschnittsblitz und Durchschnittsboden können so am Einschlagpunkt Spannungen von etlichen 100'000 V bis zu mehr als 1 Mio. V entstehen. In 10 Meter Abstand zum Zentrum können noch 20'000 V bis 50'000 V herrschen in 50 Meter Abstand nur noch einige tausend Volt. Die genannten Werte klingen gefährlich hoch, sind es selbst aber nicht, da sie lediglich das Spannungspotenzial an einem Punkt des Erdbodens beziffern. Gefährlich werden erst Spannungsunterschiede zwischen zwei Spannungspotenzialen, denn dadurch kann ein tödlicher Stromstoß verursacht werden.

Gefährliche Schrittspannungen

Stünde ein Mensch auf einem Bein nahe dem Zentrum eines Spannungstrichters, kann er den Blitzschlag mit hoher Wahrscheinlichkeit überleben. Denn mit nur einem Bein am Erdboden kann sich selbst im steilen Teil des Spannungstrichters am Menschen keine gefährlich hohe Spannung aufbauen. Stünde der Mensch hingegen breitbeinig entlang einer Linie zum Zentrum des Spannungstrichters, kann sich zwischen den beiden Beinen eine "Schrittspannung" aufbauen, deren Stromstoß den Menschen tötet. Stünde der Mensch im gleichen Abstand wie zuvor breitbeinig entlang eines konzentrisch ums Zentrum verlaufenden Kreisrings, könnte er überleben, da die Beine dann theoretisch auf gleichem Spannungspotenzial sind und so keine Schrittspannung entstehen kann. Ausprobieren würde ich dies aber nicht wollen.

ChatGPT behauptet, für Lebewesen gefährlich sind Abstände von weniger als 10 bis 20 Meter zum Einschlagpunkt eines Blitzes. Spüren würde man einen Blitzschlag aber auch noch in 100 Meter Abstand, bei hohem Bodenwiderstand auch noch darüber hinaus. Entgegen der Erwartung ist trockener Erdboden blitztechnisch daher gefährlicher als von Regen durchnässter.

Zurück zu den Schafen. Da die Schrittspannung mit dem Abstand der Beine wächst, sind Vierbeiner grundsätzlich stärker gefährdet als Zweibeiner. Etwa 80 Tiere haben den Blitzschlag im Wallis überlebt. Sie standen entweder weit genug vom Zentrum des Blitzeinschlags entfernt oder hatten eine günstige Ausrichtung ihrer Beine zum Spannungstrichter. Ohne Nachtpferch hätten sich die Tiere möglicherweise nicht so dicht gedrängt und die Zahl der Opfer wäre kleiner gewesen.

Von Vielfalt zur Einfalt

Was aber hat das Unglück im Wallis mit deutschen Mobilfunkgegnern zu tun? Als ich 2003 unversehens in die Anti-Mobilfunkszene stolperte, gab es ein großes Gewimmel an Websites, Bürgerinitiativen und Sprachrohren. Die Szene boomte. Platzhirsch war damals die "Bürgerwelle". Mit dem unspektakulären, weil entwarnenden Abschluss des Deutschen Mobilfunk-Forschungsprogramms begann 2008 der Niedergang der Szene. Viele Vereine und Bürgerinitiative lösten sich in den Folgejahren auf, die verbliebenen flüchteten sich mehrheitlich in den "Nachtpferch" des jungen Vereins Diagnose-Funk. Der Verein träumte damals noch von "Landesverbänden", musste diesen Traum jedoch alsbald mangels Masse zu Grabe tragen.

Der "Nachtpferch" von Diagnose-Funk aber wurde angenommen, denn er bietet den Insassen Sicherheit: Sie müssen sich selbst um nichts mehr kümmern, die Stuttgarter füttern die Insassen regelmäßig mit Gruselgeschichten aus der Forschung, mit Unmengen an "Informationsmaterial" zum Auslegen auf Tapeziertischen und mit mehr oder weniger glaubwürdigen Erfolgsmeldungen aus der Welt des Elektrosmogs. Für die Insassen ist der "Nachtpferch" eine wirklich bequeme Sache.

Doch wie den Schwarznasenschafen im Wallis kann auch den "Stopfgänsen" im "Nachtpferch" der Stuttgarter das plötzliche Aus drohen: Diese Zukunft winkt, wenn es Diagnose-Funk derbröselt und der Verein sich auflöst. Dann ist Schluss mit lustig. Weil die Fütterungen ausbleiben droht den Insassen des "Nachtpferchs" der Hungertod, denn selber recherchieren haben sie verlernt und unzumutbar anstrengend ist es außerdem auch noch. Und so endet, was einst mit quirliger Vielfalt begonnen hat, in trister Einfalt.

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Jedes komplexe Problem hat eine Lösung, die einfach, naheliegend, plausibel – und falsch ist.
– Frei nach Henry Louis Mencken (1880–1956) –

Tags:
Bürgerwelle, Diagnose-Funk, Sammelbecken, Sprachrohr, Mobilfunkgegner, OCG, Stopfgänse, BVMDE, Spaltpilz, Echokammer, Nachtpferch

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