Online-Zeitung "Oha": Willkommen in der Echokammer (Allgemein)

H. Lamarr, München, (vor 1 Tag, 8 Stunden, 6 Min.)

Eine Online-Zeitung, die einen fachlich indiskutablen Beitrag veröffentlicht, eine sachliche Erwiderung darauf jedoch kommentarlos löscht, sendet ein problematisches Signal. Sie dokumentiert damit nicht Offenheit für den Austausch von Argumenten, sondern übt entgegen anderslautender Beteuerungen eine selektive Moderation aus. Ob dies aus inhaltlicher Sympathie, aus Konfliktvermeidung oder aus anderen Gründen geschieht, bleibt offen. Das Ergebnis ist jedoch dasselbe: Leser erhalten den irreführenden Eindruck, der veröffentlichte Beitrag sei unwidersprochen geblieben.

Der "Oha" war eine gedruckte alternative Monatszeitung aus dem bayerischen Pfaffenwinkel. Es gab sie 40 Jahre lang auf Papier, seit 2021 gibt es den "Oha" nur noch online. Die Bedeutung des Akronyms "Oha" wird auf der Website nicht erklärt, mutmaßlich ist damit der überraschte Ausruf "Oha!" gemeint.

Eigenen Angaben zufolge ist der "Oha" ...

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unzensiert
► ungekürzt
► zeitkritisch

Also wenn das so ist, dachte ich mir, dann spricht ja nichts dagegen, einem meinungsstarken aber faktenschwachen "Oha"-Beitrag aus dem Jahr 2021 über die Schrecklichkeiten einer Mobilfunkbefeldung zu widersprechen, um ein schiefes Bild geradezurücken. Der besagte Beitrag hat den Titel "Was hat der Mobilfunk mit den Impfungen und den schweren Verläufen bei den Covid-19-Erkrankungen zu tun?". Verfasserin ist Martje Herzog, Fuchstal. Irmgard Deml, Heilpraktikerin in Weilheim, pflichtet Herzog mit einem Kommentar bei.

Aus meiner Sicht ist Herzogs Beitrag ein Lehrstück dafür, wie mit Halbwahrheiten, Anekdoten und frei erfundenen Kausalzusammenhängen der Eindruck einer wissenschaftlichen Begründung erzeugt werden soll. Inhaltlich hält der Text einer Überprüfung jedoch nicht stand. Deshalb schrieb ich am 12. Juli eine Entgegnung und beantwortete die ungewöhnlich detaillierten Fragen des "Oha" zur Person wahrheitsgemäß. Denn die "Oha"-Redaktion bekundet, sie bringe nur Beiträge von Personen, die ihr entweder persönlich bekannt sind oder die zumindest alle Fragen zur Person beantworten.

Nach Absenden der Entgegnung erschien auf der Seite für zwei oder drei Stunden die gängige Meldung, der neue Eintrag werde geprüft. Doch dann war diese Meldung spurlos verschwunden und mit ihr meine Entgegnung. Als ob nichts gewesen wäre, kein Hinweis, keine Erklärung, nichts.

Vielleicht sollte ich noch erwähnen, dass der Pfaffenwinkel einst ein hartnäckiges Widerstandsnest gegen Mobilfunk war. Getragen wurde der Widerstand von der "Umweltinitiative Pfaffenwinkel" und in dieser hauptsächlich von dem Lehrer Hans Schütz. Mit Schütz' Tod im Jahr 2022 verlor das Thema "Mobilfunk" dort jedoch massiv an Gewicht.

War meine Entgegnung vielleicht zu scharf formuliert oder habe ich Martje Herzog gar durch den Kakao gezogen? Machen Sie sich selbst ein Bild, denn anschließend können Sie die von "Oha" nicht freigeschaltete Entgegnung im Wortlaut lesen:

Von der Hypothese zur vermeintlichen Gewissheit

Der Beitrag von Martje Herzog folgt einem in der Mobilfunkkritik häufig anzutreffenden Argumentationsmuster: Eine wissenschaftlich umstrittene Hypothese wird als gesicherte Erkenntnis dargestellt und anschließend durch weitere, darauf aufbauende Behauptungen ergänzt.

Bereits die Darstellung zur Blut-Hirn-Schranke verdeutlicht dieses Vorgehen. Zwar haben insbesondere Leif Salford und seine Arbeitsgruppe Hinweise auf eine erhöhte Durchlässigkeit nach Exposition gegenüber hochfrequenten elektromagnetischen Feldern veröffentlicht. Diese Ergebnisse konnten jedoch über einen langen Zeitraum hinweg nicht reproduziert werden und gelten daher bis heute nicht als gesicherter Bestandteil des wissenschaftlichen Kenntnisstands. Die im Text getroffene Aussage, die Öffnung der Blut-Hirn-Schranke sei "seit Langem erwiesen" ist daher unzutreffend, sie entspricht nicht dem aktuellen Stand der Forschung.

Auch die sogenannte "Bayerische Rinderstudie" wird in einer Weise interpretiert, die über ihre tatsächlichen Aussagen hinausgeht. Die Studie dokumentierte Auffälligkeiten in mehreren Rinderbeständen, konnte jedoch keinen kausalen Zusammenhang mit Mobilfunkexposition nachweisen. Die Darstellung als Beleg für eine entsprechende These ist daher wissenschaftlich nicht haltbar.

Auffällig ist zudem die Auswahl der herangezogenen Quellen. Ein Großteil der angeführten "Belege" stammt von Diagnose-Funk, einer Interessenorganisation und keiner wissenschaftlichen Fachgesellschaft. Deren Veröffentlichungen unterliegen keinem unabhängigen Peer-Review-Verfahren. Darüber hinaus besteht ein potenzieller Interessenkonflikt: Der langjährige Vorsitzende Jörn Gutbier ist als Baubiologe beruflich in einem Bereich tätig, der von der Wahrnehmung möglicher Risiken elektromagnetischer Felder geprägt ist. Dies relativiert den Anspruch des Vereins auf wissenschaftliche Neutralität.

Der zentrale Schwachpunkt des Beitrags liegt jedoch in der Argumentationsstruktur. Ausgehend von der Annahme einer geöffneten Blut-Hirn-Schranke werden weitreichende Schlussfolgerungen gezogen, die unter anderem schwerere Covid-19-Verläufe, Organversagen, Einflüsse durch Krankenhaus-WLAN sowie Impfkomplikationen umfassen. Für keinen dieser Schritte wird ein belastbarer wissenschaftlicher Nachweis zitiert. Stattdessen werden Hypothesen miteinander verknüpft, wodurch der Eindruck einer schlüssigen Erklärung entsteht.

Die Erwähnung des Todes der eigenen Schwester im zeitlichen Zusammenhang mit einer Covid-19-Impfung ist menschlich nachvollziehbar, stellt jedoch keinen wissenschaftlichen Beleg dar. Ein zeitlicher Zusammenhang allein erlaubt keine Aussage über eine ursächliche Beziehung.

Zusammenfassend lässt sich feststellen, dass die Argumentation überwiegend auf Assoziationen, selektiv ausgewählten Quellen und nicht hinreichend belegten Annahmen basiert. Der Versuch, aus offenen wissenschaftlichen Fragestellungen definitive Schlussfolgerungen abzuleiten, entspricht nicht den Standards wissenschaftlicher Methodik.

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Jedes komplexe Problem hat eine Lösung, die einfach, naheliegend, plausibel – und falsch ist.
– Frei nach Henry Louis Mencken (1880–1956) –

Tags:
Homöopathie, Manipulation, Irreführung, Salford, Alternativmedizin, Heilpraktikerin, Pfaffenwinkel, Stopfgänse, Echokammer, Oha, Rinderdstudie, Herzog

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