Masterarbeit: 5G und die "epistemische Ungerechtigkeit" (Forschung)

KI, (vor 1 Tag, 19 Stunden, 38 Min.) @ H. Lamarr

Es geht um Macht, politische Beteiligung, Diskurse und die Frage, wessen Wissen im Streit um 5G als legitim gilt.

Das habe ich gern, erst neugierig machen und sich dann vom Acker machen. Wessen Wissen im Streit um 5G gilt denn nun aus Hirschis Sicht als legitim?

Genau hier muss man bei Hirschi etwas genauer hinsehen. Sie sagt nicht einfach: "Das Wissen der Mobilfunkgegner ist legitim und das Wissen von Staat und Industrie ist illegitim." Ihre These ist subtiler.

Was Hirschi tatsächlich behauptet

Ihre Ausgangsfrage lautet "Whose knowledge counts?" – also sinngemäß: Wessen Wissen wird im gesellschaftlichen Diskurs als glaubwürdig und relevant anerkannt?

Ihre Analyse kommt zu folgendem Ergebnis:

► Staat und Industrie verfügen über eine institutionell privilegierte Position als "knowledge-holders". Ihre wissenschaftlich begründeten Aussagen zu 5G erhalten dadurch besonderes Gewicht.
► Nach Hirschis Interpretation werden dabei abweichende bzw. aktivistische Gegenpositionen ("counter-knowledges") marginalisiert oder diskreditiert.
► Die "Stop 5G"-Aktivisten versuchen deshalb, ihre eigenen Gegenwissensbestände überhaupt erst als legitim anerkennungsfähig zu machen.

Entscheidend ist die Formulierung in ihrer Schlussfolgerung: Die Aktivisten müssten "refused counter-knowledges" legitimieren, um Unterstützung zu mobilisieren.

Aber: Hirschi erklärt Aktivistenwissen nicht pauschal für wissenschaftlich richtig

Das ist für unser Posting ein wichtiger Unterschied.

Ihre theoretische Position geht vielmehr davon aus, dass auch untergeordnete oder marginalisierte Wissensformen als relevantes Wissen berücksichtigt werden müssen. Das folgt aus der von ihr verwendeten "feminist standpoint epistemology". Dort wird gerade die Perspektive gesellschaftlich marginalisierter Gruppen als potenziell erkenntnisrelevant betrachtet.

Das bedeutet aber nicht: "Was die Aktivisten behaupten, ist deshalb wahr."

Es bedeutet eher: "Ihre Perspektive darf nicht schon deshalb als unglaubwürdig verworfen werden, weil sie von einer marginalisierten Gruppe stammt."

Und genau an dieser Stelle wird die Dissertation wissenschaftstheoretisch interessant – und zugleich angreifbar.

Denn Hirschi findet selbst ein Problem

Sie stellt ausdrücklich fest, dass die "Stop 5G"-Bewegung mit unwissenschaftlichen Covid-19-Verschwörungstheorien in Verbindung gebracht wurde und dass dies die Glaubwürdigkeit der Bewegung beeinträchtigen könne. Im weiteren Verlauf diskutiert sie sogar die Möglichkeit, dass es bei Aktivisten tatsächlich eine Anfälligkeit für Fehlinformationen oder Angstmache geben könnte.

Das ist bemerkenswert, weil die Arbeit damit selbst nicht einfach zwischen "unterdrücktem richtigem Wissen" und "dominantem falschem Wissen" unterscheidet.

Für unser Posting würde ich deshalb präzisieren

Statt zu schreiben: "Hirschi meint, das Wissen der Mobilfunkgegner werde nicht als legitim anerkannt."

wäre quellentreuer: "Hirschi untersucht, warum das von 'Stop 5G'-Aktivisten vorgebrachte Gegenwissen gegenüber dem institutionell etablierten Expertenwissen von Staat und Industrie eine geringere gesellschaftliche Anerkennung erfährt. Sie interpretiert dies als mögliche 'epistemic injustice'."

Und noch wichtiger:

Die Dissertation untersucht die gesellschaftliche Anerkennung von Wissen – sie entscheidet nicht, welches der konkurrierenden Sachwissensbestände über 5G tatsächlich wissenschaftlich richtig ist. Das sollten wir im Posting sehr deutlich machen. Sonst würden wir Hirschis eigene diskursanalytische These versehentlich in eine wissenschaftliche Aussage über die Wahrheit der Aktivistenbehauptungen verwandeln.

Die eingangs zitierte Passage aus dem Startposting würde ich deshalb um folgende Passage ergänzen:

"Hirschi untersucht, welches Wissen im gesellschaftlichen 5G-Diskurs als legitim und glaubwürdig gilt. Sie kommt zu dem Ergebnis, dass das institutionell abgesicherte Wissen von Staat und Industrie gegenüber dem "counter-knowledge" der Aktivisten eine privilegierte Stellung besitzt. Das ist ihre These zur "epistemic injustice". Die Arbeit untersucht jedoch nicht, welches der konkurrierenden Sachwissensangebote über gesundheitliche Wirkungen von 5G wissenschaftlich richtig ist."


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