GIA: Makrostandorte bleiben das Rückgrat des Mobilfunks (Technik)
Eine im Auftrag des Bundesministeriums für Digitales und Staatsmodernisierung erstellte Studie zur Umsetzung des Gigabit Infrastructure Act (GIA) liefert aufschlussreiche Einblicke in die praktische Bedeutung unterschiedlicher Infrastrukturtypen für den Mobilfunkausbau. Die Ergebnisse legen nahe, dass klassische Mobilfunkmasten und Dachstandorte weiterhin die tragende Rolle spielen werden. Viele Infrastrukturtypen, die in den vergangenen Jahren als potenzielle Träger von Small Cells diskutiert wurden, werden dagegen von den befragten Marktakteuren als wenig relevant eingeschätzt.
Worum es in der Studie geht
Der Gigabit Infrastructure Act der EU verpflichtet Netzbetreiber und öffentliche Stellen dazu, Informationen über bestimmte Infrastrukturen bereitzustellen, damit diese für den Ausbau von Mobilfunk- und Glasfasernetzen leichter genutzt werden können. Vor diesem Hintergrund untersuchte die Aconium GmbH im Auftrag des Bundesministeriums für Digitales und Staatsmodernisierung, welche Infrastrukturarten künftig im Infrastrukturatlas (ISA) erfasst werden sollten und welche Ausnahmen von der Datenlieferpflicht sinnvoll erscheinen (Volltext der Studie).
Grundlage der 80 Seiten umfassenden Untersuchung war eine breit angelegte Befragung von Mobilfunknetzbetreibern, Funkturmgesellschaften, Glasfaserunternehmen, Energieversorgern, Behörden, Kommunen und weiteren Infrastrukturbetreibern. Nach Bereinigung der Datensätze flossen 191 gültige Antworten in die Auswertung ein.
Was mit "Zustimmungswerten" gemeint ist
Ein zentrales Bewertungskriterium der Studie sind die "Zustimmungswerte". Sie geben an, welcher Anteil der befragten ausbauenden Unternehmen eine bestimmte Infrastruktur als technisch geeignet für den Mobilfunk- oder Glasfaserausbau einschätzt. Ein Zustimmungswert von 100 Prozent bedeutet, dass alle Befragten die betreffende Infrastruktur als technisch geeignet bewerteten. Ein Wert von 20 Prozent bedeutet dagegen, dass nur ein Fünftel der Befragten eine Eignung sah.
Die Autoren der Untersuchung verwendeten folgende Einteilung:
► mindestens 70 Prozent Zustimmung: technisch sehr geeignet
► 30 bis unter 70 Prozent Zustimmung: mittlerer Bewertungsbereich
► unter 30 Prozent Zustimmung: technisch ungeeignet
Die Bewertung beruht somit nicht auf theoretischen Überlegungen, sondern auf den Einschätzungen von Unternehmen und Organisationen, die an Ausbauprojekten beteiligt sind.
Mobilfunkmasten und Dachstandorte an der Spitze
Für den Mobilfunkausbau ergibt sich ein vergleichsweise klares Bild. Die höchsten Zustimmungswerte erreichten klassische funktechnische Trägerstrukturen. Hierzu zählen insbesondere:
► Mobilfunkmasten
► bestehende Mobilfunk-Dachstandorte
► Funkmasten von Energieversorgern
► Gebäudedächer
► Strommasten
► Wassertürme
In der Management Summary der Studie werden Mobilfunkmasten, bestehende Mobilfunk-Dachstandorte sowie Funkmasten von Energieversorgern ausdrücklich als zentrale Trägerstrukturen bezeichnet. Sie würden das Rückgrat der bestehenden Mobilfunkversorgung bilden und seien nahezu einhellig als technisch geeignet bewertet worden.
Straßenlaternen und andere Small-Cell-Träger überzeugen nicht
Deutlich zurückhaltender fällt die Bewertung bei vielen Infrastrukturtypen aus, die in den vergangenen Jahren häufig als mögliche Standorte für Small Cells diskutiert wurden. Hierzu gehören unter anderem:
► Straßenlaternen
► Ampelanlagen
► Verkehrsschilder
► Reklametafeln
► Litfaßsäulen
► Energieladesäulen
Besonders ausführlich beschäftigt sich die Studie mit Straßenlaternen. Zwar wird deren technische Eignung von einem Teil der Befragten grundsätzlich positiv eingeschätzt. Gleichzeitig berichten die Autoren jedoch von nahezu keinen Mitnutzungsanfragen und nahezu keinen Vertragsabschlüssen im Jahr 2024. Auch das zukünftige Potenzial wird überwiegend als gering eingeschätzt. Nach Auffassung der Autoren rechtfertigt dies keine Aufnahme dieser Infrastruktur in den Infrastrukturatlas.
Small Cells bleiben auf spezielle Einsatzorte beschränkt
Die Studie stellt nicht infrage, dass Small Cells in bestimmten Anwendungsfällen sinnvoll sein können. Genannt werden insbesondere:
► Messehallen
► Stadien
► Veranstaltungsstätten
► Konferenzzentren
Dort können zusätzliche Funkzellen hohe lokale Datenlasten bewältigen.
Für den öffentlichen Straßenraum ergibt sich jedoch ein anderes Bild. Die Autoren verweisen darauf, dass zusätzliche Netzkapazität zunehmend über bestehende Makrostandorte bereitgestellt werde, von denen aus zusätzliche Frequenzressourcen großflächig ausgestrahlt werden können.
Windkraftanlagen ohne erkennbares Ausbaupotenzial
Auch Windkraftanlagen wurden als mögliche Trägerstrukturen untersucht. Die Autoren kommen jedoch zu dem Ergebnis, dass hierfür derzeit kein belastbares Ausbaupotenzial erkennbar ist. Als Gründe werden genannt:
► geringe praktische Erfahrungen
► sehr geringe tatsächliche Nutzung
► eingeschränkte Zugänglichkeit
► betriebliche und sicherheitsrelevante Anforderungen
► primär energiewirtschaftlich motivierte Standortwahl
Besonders bemerkenswert ist der Hinweis, dass mehrere Unternehmen ausdrücklich angaben, stattdessen klassische Funkmasten zu errichten und zu betreiben. Die Studie bewertet Windkraftanlagen deshalb als infrastrukturelle Einzelfalllösung und empfiehlt, sie nicht in den Infrastrukturatlas aufzunehmen.
GSM-R-Masten der Bahn: technisch geeignet, praktisch kaum relevant
Eine interessante Sonderrolle nehmen GSM-R-Masten entlang von Schienenwegen ein. Bei der Bewertung der technischen Eignung erzielten diese Standorte hohe Zustimmungswerte. In der späteren Nutzwertanalyse fällt das Ergebnis jedoch deutlich zurückhaltender aus. Die Autoren verweisen auf:
► fehlende Mitnutzungsanfragen
► fehlende Vertragsabschlüsse
► besondere eisenbahnrechtliche Anforderungen
► betriebliche und sicherheitsrelevante Restriktionen
Obwohl GSM-R-Masten technisch grundsätzlich geeignet erscheinen, wird letztlich empfohlen, sie nicht in den Infrastrukturatlas aufzunehmen.
Zusammenfassung
Die Studie verfolgt nicht das Ziel, Aussagen über die künftige Entwicklung des Mobilfunks insgesamt zu treffen. Dennoch liefern die Ergebnisse interessante Hinweise auf die gegenwärtige Ausbaupraxis.
Besonders deutlich fällt die hohe Bewertung klassischer Mobilfunkmasten und Dachstandorte aus. Gleichzeitig zeigen viele der häufig diskutierten Small-Cell-Träger im öffentlichen Raum nur geringe Nutzungszahlen, geringe Nachfrage und ein begrenztes praktisches Ausbaupotenzial.
Die Ergebnisse der Befragung sprechen daher dafür, dass klassische Makrostandorte weiterhin eine zentrale Rolle beim Mobilfunkausbau spielen werden, während zahlreiche alternative Trägerstrukturen bislang nur untergeordnete Bedeutung haben.