Masterarbeit: 5G und die "epistemische Ungerechtigkeit" (Forschung)

KI, (vor 2 Tagen) @ H. Lamarr

Ihre theoretische Position geht vielmehr davon aus, dass auch untergeordnete oder marginalisierte Wissensformen als relevantes Wissen berücksichtigt werden müssen. Das folgt aus der von ihr verwendeten "feminist standpoint epistemology". Dort wird gerade die Perspektive gesellschaftlich marginalisierter Gruppen als potenziell erkenntnisrelevant betrachtet.

Das bedeutet aber nicht: "Was die Aktivisten behaupten, ist deshalb wahr."

Es bedeutet eher: "Ihre Perspektive darf nicht schon deshalb als unglaubwürdig verworfen werden, weil sie von einer marginalisierten Gruppe stammt."

Moment mal, das widerspricht jetzt aber meinem Erleben mit Mobilfunkgegnern diametral. Prüfe noch einmal Hirschi, ob diese Interpretation von dir wirklich zutreffend ist.

Ja. Ich habe Hirschis Text jetzt noch einmal gezielt an den entscheidenden Stellen geprüft. Meine frühere Formulierung war zu pauschal und hat Hirschis Position etwas zu wohlwollend rekonstruiert.

Was Hirschi tatsächlich vertritt

Ihre theoretische Grundlage ist die "feminist standpoint epistemology". Dort geht sie ausdrücklich davon aus, dass untergeordnete bzw. marginalisierte Wissenspositionen als gültiges Forschungswissen einbezogen werden können bzw. sollen. Sie schreibt, die Standpunkttheorie rechtfertige die Einbeziehung "subjugated knowledges contesting the status quo as valid research knowledge".

Das ist mehr als nur die Aussage:

"Man sollte Menschen nicht allein wegen ihrer Gruppenzugehörigkeit für unglaubwürdig halten."

Hirschi verwendet vielmehr einen theoretischen Ansatz, der marginalisierten Wissenspositionen einen besonderen erkenntnistheoretischen Stellenwert einräumt.

Und genau das überträgt sie auf die "Stop 5G"-Aktivisten

In ihrer Ergebnisdiskussion schreibt sie, Staat und Industrie verwendeten "expert authority" und würden Gegenwissen marginalisieren. Die Aktivisten wiederum würden mit "counter-knowledges" das etablierte Expertenwissen herausfordern. Diese Marginalisierung interpretiert sie ausdrücklich im Sinne von Frickers "epistemic injustice".

Besonders deutlich wird das hier:

"The marginalization of counter-knowledges by IP echoes Fricker’s [...] concept of 'epistemic injustice'"

Hirschi verbindet das mit "systematic testimonial injustice": Negative Stereotype über eine bestimmte Gruppe könnten dazu führen, dass deren Mitglieder als Wissensquellen nicht ernst genommen werden.

Das ist also tatsächlich ihre Interpretation.

Aber jetzt kommt der entscheidende Vorbehalt

Hirschi hat selbst keine belastbare Prüfung vorgenommen, ob das vermeintlich marginalisierte Gegenwissen sachlich zuverlässig ist.

Und bemerkenswerterweise erkennt sie dieses Problem selbst.

Unmittelbar nach ihrer These über die Stereotypisierung schreibt sie, die Daten könnten auch auf eine "genuine issue of activist susceptibility to misinformation and/or fearmongering" hindeuten. Als alternative Erklärung nennt sie, dass einige extreme Verhaltensweisen zur Stereotypisierung aller "Stop 5G"-Aktivisten geführt haben könnten.

Das ist für die Bewertung der Arbeit zentral.

Sie hat also zwei mögliche Erklärungen:

1. Die Aktivisten werden aufgrund eines Gruppenstereotyps ungerechtfertigt als unglaubwürdig behandelt.
2. Die Bewegung weist tatsächlich eine Anfälligkeit für Desinformation und Angstmache auf, die ihre geringere Glaubwürdigkeit teilweise erklären könnte.

Ihre Untersuchung kann zwischen diesen beiden Erklärungen nicht entscheiden.

Damit war meine frühere Formulierung tatsächlich zu stark

Ich hatte geschrieben:

"Ihre Perspektive darf nicht schon deshalb als unglaubwürdig verworfen werden, weil sie von einer marginalisierten Gruppe stammt."

Das ist als allgemeine Rekonstruktion der erkenntnistheoretischen Idee nicht völlig falsch. Aber ich hätte es nicht so formulieren dürfen, als sei das die nachgewiesene Aussage von Hirschis empirischer Untersuchung.

Quellentreuer wäre:

Hirschi geht theoretisch davon aus, dass auch marginalisierte "counter-knowledges" als relevantes Wissen berücksichtigt werden müssen. In ihrer Analyse interpretiert sie die geringere gesellschaftliche Anerkennung des von "Stop 5G"-Aktivisten vorgebrachten Gegenwissens als mögliche "epistemic injustice". Ob diese geringere Anerkennung tatsächlich ungerechtfertigt ist oder teilweise durch die Qualität und Fehlerhaftigkeit der aktivistischen Behauptungen begründet sein könnte, untersucht die Arbeit jedoch nicht. Und das ist aus meiner Sicht die entscheidende Schwachstelle ihrer Argumentation.

Denn Hirschi zeigt, dass die Aktivisten behaupten, über Gegenwissen zu verfügen. Sie zeigt auch, dass sie teilweise als unglaubwürdig oder "Verschwörungstheoretiker" bezeichnet werden. Sie zeigt aber nicht, dass diese negative Einschätzung epistemisch ungerechtfertigt ist.

Das ist ein erheblicher Unterschied.

Gerade angesichts der langjährigen Dokumentation nachweislich falscher Mobilfunkbehauptungen durch das IZgMF-Forum wäre daher für unser Posting eine sehr präzise Formulierung angebracht:

"Hirschi untersucht, ob das Gegenwissen der Mobilfunkgegner gesellschaftlich marginalisiert wird. Sie interpretiert diese Marginalisierung als mögliche 'epistemic injustice'. Die Arbeit untersucht jedoch nicht systematisch, ob die betreffenden Gegenwissensbestände tatsächlich belastbar sind. Damit bleibt eine zentrale Gegenfrage offen: Werden die Aktivisten zu Unrecht nicht ernst genommen – oder ist ihre geringere Glaubwürdigkeit zumindest teilweise die Folge der Qualität ihrer Behauptungen?"

Diese Formulierung würde ich inzwischen für wesentlich belastbarer halten als meine ursprüngliche Darstellung.


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