Über Jahrzehnte versorgten leistungsstarke Kurzwellensender fremde Kontinente mit Nachrichten. Viele dieser Anlagen arbeiteten mit 250 kW bis 500 kW Sendeleistung und standen in der Nähe von Ortschaften. Eine Recherche zu 19 internationalen Kurzwellengroßsendern zeigt: Lokale Gesundheitsproteste sind dokumentiert, aber keineswegs an allen Standorten.
Kurzwellengroßsender standen häufig über Jahrzehnte in unmittelbarer Nähe von Wohngebieten. Wenn die starke HF-Exposition selbst der Auslöser gesundheitlicher Beschwerden gewesen wäre, müsste man erwarten, dass entsprechende Konflikte relativ früh nach Aufnahme des Sendebetriebs entstanden. Genau das zeigt die historische Recherche jedoch nicht. Die dokumentierten Gesundheitskonflikte setzen vielmehr überwiegend deutlich später ein. Besonders auffällig ist ihre zeitliche Häufung ab etwa 1980. Der erste klar erkennbare Fall ist Schwarzenburg in der Schweiz. Danach folgen Proteste an weiteren Standorten, unter anderem Sarnen und Lenk, Holzkirchen, Zeewolde und schließlich Santa Maria di Galeria.
Damit stellt sich eine interessante Frage: Handelt es sich um voneinander unabhängige lokale Konflikte – oder könnten sich mit der zunehmenden öffentlichen Debatte über "Elektrosmog" auch Argumente und Protestmuster von einem Standort zum nächsten verbreitet haben?
Diese Frage lässt sich anhand der verfügbaren Quellen nicht abschließend beantworten. Die zeitliche Abfolge ist jedoch auffällig genug, um sie bei der Bewertung der Protestgeschichte zu berücksichtigen.
Was wurde untersucht?
Untersucht wurden 19 bedeutende internationale Kurzwellensendeanlagen in verschiedenen Ländern. Gesucht wurde gezielt nach lokalen und regionalen Medienberichten, Bürgerinitiativen, Petitionen, Anwohnerbeschwerden, behördlichen Untersuchungen, Gerichtsverfahren und wissenschaftlichen Untersuchungen, in denen gesundheitliche Bedenken wegen der HF-Emissionen des jeweiligen Senders eine erkennbare Rolle spielten.
Die 19 Standorte bilden keine Zufallsstichprobe und keine vollständige Erhebung aller historischen Kurzwellengroßsender weltweit. Es handelt sich um eine historische Recherche zu ausgewählten bedeutenden Anlagen. Das Ergebnis ist deshalb keine statistische Schätzung für sämtliche Kurzwellensender der Welt.
Als Gesundheitsfall wurde ein Standort nur dann gewertet, wenn sich in den recherchierten Quellen eine lokale Gesundheitsdebatte, organisierte Protestaktivität oder eine institutionelle Untersuchung aufgrund gesundheitlicher Befürchtungen erkennen lässt. Rein technische Störungen im Nahbereich eines Senders wurden dagegen nicht als Gesundheitsprotest gezählt. Ebenso wurde eine allgemeine Sicherheitsfrage nicht automatisch als Gesundheitsfall eingestuft.
Sechs eindeutige Gesundheitsprotestfälle
In der Stichprobe sind sechs Standorte mit eindeutig dokumentierten gesundheitlich begründeten Protesten bzw. Gesundheitskonflikten erkennbar: Schwarzenburg, Sarnen und Lenk in der Schweiz, Holzkirchen/Valley in Deutschland, Zeewolde in den Niederlanden sowie Santa Maria di Galeria in Italien/Vatikan.
Moosbrunn in Österreich wird gesondert behandelt. Dort ist ein umfangreiches Gutachten der Universität Wien zur gesundheitlichen Problematik bibliografisch nachgewiesen. Der Volltext konnte jedoch nicht beschafft werden. Deshalb wird Moosbrunn nicht auf dieselbe Evidenzstufe wie die sechs eindeutigen Fälle gestellt.
Bei den übrigen zwölf untersuchten Standorten konnte keine vergleichbare lokale Gesundheitsprotestgeschichte nachgewiesen werden. Das ist keine Aussage, dass es dort niemals individuelle Beschwerden gegeben habe. Es bedeutet lediglich, dass in der recherchierten Quellenlage keine entsprechende organisierte oder institutionell dokumentierte Gesundheitsauseinandersetzung gefunden wurde.
Schweiz – Schwarzenburg: der Ausgangspunkt?
Der Kurzwellensender Schwarzenburg nahm 1939 den Betrieb auf. Die Anlage wurde über Jahrzehnte erweitert und gehörte zeitweise zu den leistungsstärksten Kurzwellensendeanlagen der Schweiz.
Die Gesundheitsdebatte setzte nicht mit der Inbetriebnahme ein. Das Schweizerische Nationalmuseum dokumentiert eine zunehmende öffentliche Diskussion bereits ab etwa 1980. 1986 folgte eine Petition von 121 Einwohnern. Zunächst standen technische Störungen im Vordergrund: Melkmaschinen, Lüftungen, Computer und andere Einrichtungen wurden durch die starken HF-Felder beeinflusst. Anschließend wurden gesundheitliche Beschwerden wie Kopfschmerzen und Schlafstörungen zum Thema.
1990 folgte eine weitere Petition wegen möglicher gesundheitlicher Gefahren. Später entstand die Aktion "Schwarzenburg ohne Kurzwellensender" (SchoK). 1998 wurde der Sendebetrieb eingestellt. Zwischen dem Sendebeginn 1939 und dem Beginn der öffentlichen Gesundheitsdebatte lagen damit rund vier Jahrzehnte.
Interessant ist die wissenschaftliche Entwicklung: Untersuchungen aus den 1990er Jahren berichteten eine Zunahme von Schlafstörungen mit steigender HF-Exposition und eine Verbesserung der Schlafqualität nach Unterbrechung bzw. Abschaltung des Senders. Die Autoren sahen darin starke Hinweise auf einen kausalen Zusammenhang mit Schlafstörungen, konnten allerdings einen biologischen nicht eindeutig von einem psychologischen Effekt unterscheiden.
Schwarzenburg ist deshalb kein geeigneter Beleg für die Behauptung, Gesundheitsbeschwerden seien dort "widerlegt" worden. Der wissenschaftliche Befund ist differenzierter. Für die historische Fragestellung bleibt aber etwas anderes interessant: Die öffentliche Gesundheitsdebatte entstand Jahrzehnte nach Beginn des Sendebetriebs.
Schweiz – Sarnen und Lenk: die nächste Protestwelle
Die Schweizer Kurzwellensinfrastruktur wurde ab den 1950er Jahren dezentralisiert. Sarnen und Lenk übernahmen Teile der internationalen Ausstrahlung. Sarnen ging 1973 mit einem 250-kW-Kurzwellensender in Betrieb. Lenk folgte 1974 mit zwei 250-kW-Kurzwellensendern. Die dokumentierten Anwohnerproteste wegen "Elektrosmog" setzten erst Anfang der 1990er Jahre ein – rund 20 Jahre nach Aufnahme des Sendebetriebs.
Besonders aufschlussreich ist eine zeitgenössische Darstellung des Schweizer Auslandsrundfunks im "RADIOJournal". Dort wird berichtet, Swisscom sehe sich an den beiden Standorten Sarnen und Lenk "zunehmenden Protesten von Anwohnern" ausgesetzt, die fürchteten, durch den sogenannten "Elektrosmog" um ihre Gesundheit gebracht zu werden. Als Konsequenz wurde die Stilllegung beschrieben.
Die Quelle nennt Sarnen und Lenk dabei ausdrücklich gemeinsam.Das ist für unsere Fragestellung interessant, weil Schwarzenburg zu diesem Zeitpunkt bereits seit Jahren Gegenstand einer öffentlichen Gesundheitsdebatte war.
Die Chronologie lautet damit:
Schwarzenburg
Sendebeginn 1939 → öffentliche Gesundheitsdebatte ab etwa 1980 → größere Proteste ab 1986 → Stilllegung 1998 (März).
Sarnen
Sendebeginn 1973 → zunehmende Anwohnerproteste wegen "Elektrosmog" Anfang/Mitte der 1990er Jahre → Stilllegung 1992.
Lenk
Sendebeginn 1974 → zunehmende Anwohnerproteste wegen "Elektrosmog" Anfang/Mitte der 1990er Jahre → Stilllegung 1998 (Oktober).
Damit entsteht erstmals ein Muster, das über einen rein lokalen Zusammenhang hinausweisen könnte. Schwarzenburg war der erste Schweizer Großsenderstandort mit einer öffentlich dokumentierten Gesundheitsdebatte. Sarnen und Lenk folgten später, als "Elektrosmog" bereits ein etabliertes Thema war.
Ob dabei tatsächlich Argumente, Medienberichte oder Protestmuster von Schwarzenburg auf andere Standorte übertragen wurden, ist damit allerdings noch nicht bewiesen.
Deutschland – Holzkirchen/Valley
Der Sender Holzkirchen/Oberlaindern wurde 1951 für Radio Free Europe in Betrieb genommen. 1981 kamen vier Kurzwellensender mit jeweils 250 kW hinzu. Die organisierte lokale Gesundheitsdebatte setzte erst 1995 ein. In diesem Jahr formierte sich eine Bürgerinitiative gegen die Sendeanlage. Gesundheitliche Bedenken waren ein wesentlicher Bestandteil der Auseinandersetzung.
Für die vier 250-kW-Kurzwellensender ergibt sich damit ein Abstand von etwa 14 Jahren zwischen ihrer Inbetriebnahme und der Gründung der Bürgerinitiative. Das ist deutlich weniger als bei Schwarzenburg, aber immer noch kein unmittelbarer Protest nach Einschalten der Sender. Zeitlich liegt Holzkirchen zudem nach der Schweizer Protestwelle um Schwarzenburg sowie den späteren Protesten in Sarnen und Lenk. Damit ist ein möglicher Transfer von Argumenten chronologisch denkbar.
Die Anlage wurde 2003 stillgelegt. Die Stilllegung darf allerdings nicht als Folge nachgewiesener Gesundheitsschäden dargestellt werden. Der Bedeutungsverlust des klassischen Auslandsrundfunks nach dem Ende des Kalten Krieges und veränderte technische und politische Rahmenbedingungen waren entscheidend.
Eine 2007 in sekundären Quellen erwähnte Untersuchung wird von Sendergegnern als Beleg für gesundheitliche Auswirkungen interpretiert. Der Originalbericht konnte in dieser Recherche jedoch nicht überprüft werden. Dem steht eine amtliche Untersuchung der Krebssterblichkeit gegenüber, bei der keine entsprechenden Auffälligkeiten festgestellt wurden. Holzkirchen ist deshalb eindeutig ein Gesundheitsprotestfall, aber kein Nachweis eines wissenschaftlich gesicherten Gesundheitsschadens.
Niederlande – Zeewolde/Flevoland
Die Großsendeanlage in Flevoland diente Radio Nederland Wereldomroep und verfügte über mehrere Hochleistungssender. Auch hier entstand die Gesundheitsdebatte erst nach längerem Sendebetrieb.
Ein Anwohner erhob 1994 rechtliche Ansprüche und machte neben technischen Störungen auch gesundheitliche Probleme geltend. 1997 untersuchte die GGD Flevoland Gesundheitsbeschwerden rund um den Kurzwellensender. 1999 veranstaltete die Gemeinde Zeewolde ein Symposium "Kurzwellensender und Volksgesundheit". Das RIVM dokumentiert beide Vorgänge. Damit folgt Zeewolde zeitlich auf die Schweizer Proteste und auf Holzkirchen.
Das macht Zeewolde für die Frage eines möglichen Mitläufereffekts interessant. Es beweist ihn aber nicht. Die Gesundheitsprobleme können auch unabhängig von den Vorgängen an anderen Standorten entstanden sein. Wichtig bleibt die Unterscheidung zwischen Gesundheitsbedenken und nachgewiesenem Gesundheitsschaden. Die dokumentierte Gesundheitsdebatte ist ein historischer Fakt; daraus folgt keine Kausalität.
Italien/Vatikan – Santa Maria di Galeria
Das Sendezentrum von Vatican Radio bei Santa Maria di Galeria entstand bereits in den 1950er Jahren und wurde über Jahrzehnte ausgebaut. Es wurden Hochleistungssender bis etwa 500 kW eingesetzt.
Der organisierte Gesundheitskonflikt begann erst Ende der 1990er Jahre. Die Bürgerinitiative "Bambini senza onde" machte mögliche Gesundheitsgefahren zum zentralen Thema. 2001 demonstrierten rund 200 Menschen gegen den Sendebetrieb. Damit liegt auch dieser Fall deutlich nach dem Beginn der internationalen Elektrosmogdebatte.
Die epidemiologische Untersuchung im Raum Cesano ist wissenschaftlich allerdings komplexer, als es in der öffentlichen Auseinandersetzung häufig dargestellt wurde. Denn eine Untersuchung berichtete statistische Auffälligkeiten bei kindlicher Leukämie und einen Entfernungsgradienten. Die Autoren wiesen jedoch selbst auf die geringe Fallzahl und die ungenaue Erfassung der individuellen HF-Exposition hin. Eine internationale Expertengruppe des italienischen Gesundheitsministeriums kam 2001 zu dem Ergebnis, dass die vorliegenden Daten keine Beziehung zwischen den Emissionen von Radio Vaticana und Inzidenz bzw. Mortalität kindlicher Leukämien nachwiesen.
Auch hier gilt deshalb: Gesundheitsprotest ja. Kausaler Gesundheitsschaden durch den Sender nicht nachgewiesen.
Österreich – Moosbrunn: ein Grenzfall
Die Kurzwellensendeanlage Moosbrunn wurde 1959 errichtet und in den folgenden Jahrzehnten erweitert. Für 1992/93 ist ein umfangreiches Gutachten des Instituts für Umwelthygiene der Universität Wien bibliografisch belegt: "Medizinisch-hygienische Untersuchungen und Beurteilungen der Kurzwellenanlage Moosbrunn". Es wurde im Auftrag der Gemeinden Moosbrunn, Mitterdorf und Gramatneusiedl erstellt. Damit ist eine institutionelle Auseinandersetzung mit gesundheitlichen Fragen eindeutig belegt.
Der Volltext des Gutachtens konnte jedoch nicht beschafft werden. Aussagen darüber, welche gesundheitlichen Befunde die Untersuchung tatsächlich ergab, sollten deshalb nicht aus späteren Sekundärquellen übernommen werden.
Moosbrunn wird deshalb in dieser Recherche als Grenzfall geführt und nicht als gleichwertiger Gesundheitsprotestfall.
Fortsetzung in Teil II