Einige retrospektive Kohortenstudien über die Gefahr, wegen Gebrauch eines Mobiltelefons an Hirntumor zu erkranken, bildeten kürzlich (30. Januar 2007) zugleich Anlass für einen Großalarm in der Süddeutschen Zeitung wie auch für zahlreiche Entwarnungen. Ob der Alarm nun echt war oder falsch, ob er berechtigt war oder unberechtigt, dies kann nicht bestimmt werden. Denn das ungeeignete Design der Studien lässt – so Studienkritiker W. Kuhn – nur eine einzige berechtigte Schlussfolgerung zu: nämlich die, dass aus den Studien nichts geschlossen werden kann und darf. Kuhn begründet seine Kritik mit sechs einleuchtenden Argumenten.
Die beanstandeten Studien untersuchten den möglichen Einfluss von Mobiltelefonstrahlung auf eine Erkrankung an Gliomen, einer Gruppe von Hirntumoren. Weil beim Studiendesign wichtige Besonderheiten von Gliomen und die technische Entwicklung des Mobiltelefons nicht angemessen berücksichtigt wurden, sind sämtliche Schlüsse, welche die Forscher und die Kritiker aus den Studien gezogen haben, bestenfalls zufälligerweise richtig. Und wenn tatsächlich eine Welle von Tumorerkrankungen anrollt, dann wird es ab heute noch Jahre dauern, bis die ersten Vorläufer spürbar werden. Die Folgen freilich könnten fatal sein. Bei den beanstandeten Studien handelt es sich um die nordische Interphone-Studie, die britische Interphone-Studie sowie um die dänische retrospektive Langzeitstudie:
Die dänische retrospektive Langzeitstudie beobachtet 420 000 Dänen, welche zwischen 1982 und 1995 ein Mobiltelefon besaßen. Davon erlitten 14 250 eine Krebserkrankung, aber nicht etwa nur Gliome.
Gliome und Epidemiologie
Es gibt eine erstaunliche Vielfalt an Tumoren, mit jeweils gänzlich unterschiedlichen Eigenschaften. Die kritisierten Studien befassten sich mit einer besonderen Gruppe von Hirntumoren, nämlich mit den Gliomen. Das Gliom ist ein Tumor des Zentralnervensystems, welcher sich aus Gliazellen, zu Deutsch Stützzellen des Zentralnervensystems, oder aus deren Vorläuferzellen bildet.
Das Design einer retrospektiven Kohortenstudie zu Gliomen, das heisst einer statistischen Erhebung mit an Gliomen Erkrankten und mit einer vergleichbaren Gruppe von gesund Gebliebenen, muss für die Festlegung der erforderlichen Gruppengrösse und für die Einteilung in statistische Untergruppen einige wichtige Eigenschaften der Gliome berücksichtigen, nämlich:
Malignität von Gliomen: Selbst unter den Gliomen gibt es sehr unterschiedliche Typen; diese werden nach dem Zelltyp benannt, dem sie histologisch am meisten ähneln (z.B. Astrozytom nach den Astrozyten, Ependymom, Oligodendrogliom). Die einzelnen Typen von Gliomen unterscheiden sich markant voneinander in ihrer Bösartigkeit bzw. Malignität. Die WHO unterscheidet die Malignitätsgrade I bis IV, wobei Grad I gutartige und Grad IV die bösartigsten Tumoren bezeichnet. Nach dem Malignitätsgrad der Gliome bestimmt sich auch deren Letalität, das heißt die Gewissheit und Geschwindigkeit, mit welcher Gliome zum Tod führen, wenn sie einmal ausgebrochen sind.
Latenzzeit von Gliomen: Gliome, welche möglicherweise durch Mobilfunkstrahlung entstehen oder begünstigt werden, haben wahrscheinlich eine lange Latenzzeit, das heißt eine lange Dauer zwischen der Strahlenexposition, welche die Krankheitsursache setzt, und dem Ausbruch bzw. der Manifestation der Krankheit. Bei Asbest und bei Tabak beträgt die Latenzzeit zehn bis 20 und mehr Jahre, ebenso bei den Gliomen, welche durch therapeutische Anwendung ionisierender bzw. radioaktiver Strahlung ausgelöst werden.
Inzidenz von Gliomen: Gliome treten von Natur aus sehr selten auf; ihre Inzidenz beträgt nur circa sechs jährliche Neuerkrankungen pro 100 000 Einwohner. Die Prävalenz einer Krankheit bezeichnet je nach Definition entweder die Anzahl der zu einem Zeitpunkt noch lebenden Kranken oder die Anzahl der in einem kurzen Zeitraum lebenden und versterbenden Kranken. Dass Prävalenz und Inzidenz nicht dasselbe sind, zeigt sich beim Vergleich von Malignitätsgrad I (lange Dauer der Erkrankung, mit leichterem Verlauf) und Malignitätsgrad IV (kurze Dauer bis zum meist tödlichen Ausgang): Bei gleicher Inzidenz von Grad I und IV wird die Prävalenz von Grad I allein darum größer sein als des bösartigen Grades IV, weil durch die lange Krankheitsdauer bei Grad I Patienten mit Grad I womöglich zu mehreren Beobachtungszeitpunkten gezählt werden, während Patienten mit Grad IV so rasch versterben, dass sie, wenn sie nicht überhaupt zwischen zwei Beobachtungszeitpunkten ungezählt versterben, dann nur in einem einzigen Beobachtungszeitpunkt als Kranke gezählt werden.
Risiko von Gliomerkrankung: Das Risiko einer Erkrankung aufgrund von Mobiltelefonstrahlung kann als spezifische, d. h. als eigene und gesonderte Inzidenz ausgedrückt werden, oder auch als Faktor im Verhältnis zur sozusagen natürlich bestehenden Inzidenz. Bei therapeutischer Anwendung ionisierender, also radioaktiver Strahlung erhöht sich die Inzidenz von Gliomen, welche wie oben angeführt sonst circa sechs jährliche Neuerkrankungen pro 100 000 Einwohner beträgt, um den Faktor 3 bis 7 (siehe Mensch & Krebs sowie Dissertation Uniklinik Münster). In diesem Fall gibt es also rechnerisch jährlich statt nur circa sechs Neuerkrankungen circa 25 zusätzliche Neuerkrankungen pro 100 000 Einwohner – dieses natürlich erst nach Ablauf der Latenzzeit! Das Risiko, an einem Gliom zu erkranken, dürfte vermutlich selbst dann, wenn die Entstehung durch nichtionisierende Mobiltelefonstrahlung ausgelöst oder begünstigt wird, immer noch – relativ gesehen – sehr gering sein.
Wegen der großen Unterschiede der verschiedenen Arten und Malignitätsgrade von Gliomen und ihrer weiteren statistisch relevanten Eigenschaften ist es offensichtlich, dass aus einer epidemiologischen Untersuchung von Gliomen nur dann vernünftige Folgerungen gezogen werden können, wenn die Eigenschaften der Gliome bereits beim Studiendesign berücksichtigt wurden, und wenn die unterschiedlichen Gliome als solche getrennt erfasst wurden. Zahlreiche Kritiker haben bereits geäußert, dass dieses nur unzureichend geschah.
Technik und Ergonomie von Mobiltelefonen
Die Datenerfassung zu den zuletzt publizierten epidemiologischen Interphone-Studien endete bereits im Februar 2004, also vor drei Jahren. Der Beginn der in den Interphone-Studien betrachteten 10-Jahres-Perioden lag demnach im Jahr 1994. Die Datenerfassung zur dänischen retrospektiven Langzeitstudie endete früher als bei den Interphone-Studien, nämlich bereits im Jahr 2002, und der Beginn dieser 10-Jahres-Periode war das Jahr 1992. Da alles vor dem Hintergrund seines Zeitalters betrachtet werden muss, und da heute ein Technologiezeitalter das nachfolgende in immer schnellerer Kadenz ablöst, werden wir gleich sehen, dass die technische Entwicklung nicht ohne Auswirkungen auf die Mobilfunkstudien bleiben kann. Aus diesem technisch-ergonomischen Wandel bei Mobiltelefonen resultieren die folgenden sechs Argumentationen gegen die beanstandeten Studien.
1. Ein Teil der 10-Jahres-Perioden war ohne GSM-Strahlung
Der erste markante Zeitpunkt der nordischen und britischen Interphone-Studien war das Jahr 1994, also der Beginn der Periode von mindestens 10-jährigem Mobiltelefongebrauch gemäß Definition dieser Studien; für die dänische retrospektive Langzeitstudie markiert das Jahr 1992 den entsprechenden Beginn.
Zwischen 1989 bis 1995 waren die von Hand haltbaren Mobiltelefone (Handhelds, auf „Deutsch“ Handy) überwiegend nur schwere und große Geräte, und zwar mit analoger Modulation der Trägerfrequenz von 0,45 GHz. Ab 1994 begann die Einführung des digitalen GSM-Netzes, und erst ab 1997 kamen die ersten modernen kleinformatigen Digitalgeräte, wie sie heute noch verkauft werden, auf den Markt. Die 10-Jahres-Perioden der Interphone-Studien und speziell der dänischen Massenstudie sind also gekennzeichnet durch eine Mischung von anfänglich analogem Mobilfunk mit anderer Handhabung als heute, und von späterem digitalem Mobilfunk mit den Trägerfrequenzen 0,9 GHz und 1,8 GHz, die mit 217 Hz gepulst sind.
Zwischen 1989 und 1994, also 15 bis zehn Jahre vor dem Ende der Datenerfassung durch die Interphone-Studien, gab es nur analogen Mobilfunk mit Koffertelefonen oder mit schweren und unhandlichen Handys, bei welchen zudem die Antenne ausziehbar oder ausklappbar war, was für einen großen Abstand zwischen Antenne und Kopf sorgte.
Vor 1988 gab es nur Koffergeräte, welche zumeist auch im Kofferraum eines Autos eingebaut waren und mit einer Dachantenne strahlten. Die Bestrahlung der Mobilfunknutzer durch ihre eigenen Telefone, welche früher als 15 Jahre vor Abschluss der Interphone-Studien erfolgte, war wegen der Dachantenne eine gänzlich andere als die Bestrahlung durch das Analog-Handtelefon zwischen zehn und 15 Jahren vor Ende der Studien, und nochmals wesentlich anders als die digitale zwischen dem dritten und dem letzten Jahr vor Ende der Interphone-Studien.
Die Charakteristik der analogen Mobiltelefonstrahlung war eine gänzlich andere als die der heutigen digitalen Handys; daran könnten auch identische SAR-Werte nichts ändern, denn diese sind lediglich ein nicht weiter differenzierter, letztlich nur thermisch bestimmter Durchschnittswert. Aus diesem Grund verwenden heute alle Mobilfunklaborstudien eine möglichst genaue Nachbildung der digitalen GSM-Strahlung und in keinem Fall analoge Signale – weil nämlich nahe liegt, dass die gepulste digitale Strahlung auf andere Weise mutagen wirkt als die analoge. Weil sich die nichtthermischen Wirkungen der beiden Modulationsarten unterscheiden, darf in keiner seriösen Studie analoge und digitale Strahlung vermischt werden. Dieses gilt nicht nur für Laborstudien, sondern genau so für die hier kritisierten Kohortenstudien. Aber genau diese Vermischung erfolgte bei den kritisierten Studien, weil die Mobiltelefone zu Beginn der Beobachtungsperiode nur analoge Signale ausstrahlten und am Ende nur noch digitale.
Jede Aussage zu längerem als 8-jährigem Mobiltelefongebrauch in den Interphone-Studien und zu längerer als 6- bis 7-jähriger Anwendung in der dänischen Massenstudie ist falsch, irreführend und im schlimmsten Fall eine vorsätzliche Täuschung der Öffentlichkeit, sofern nicht immer wieder und mit Nachdruck darauf hingewiesen wird, dass die frühere analoge Strahlung eine gänzlich andere als die heutige GSM-Strahlung war.
2. Längerer als 10-jähriger Gebrauch änderte Lateralität
Um einen möglichen Zusammenhang zwischen Mobiltelefonstrahlung und der Entstehung von Tumoren im Kopf nachzuweisen, wurden bei den nordischen und britischen Interphone-Studien Gliom-Patienten danach gefragt, ob sie ihr Mobiltelefon überwiegend an das linke oder an das rechte Ohr hielten, und diese so erfragte Lateralität des Mobiltelefons wurde mit der Lateralität der Tumoren in statistische Beziehung gebracht. Kritiker der Interphone-Studien haben auf eine Verzerrung bzw. auf einen Bias aufgrund des ungenügenden Erinnerungsvermögens der Menschen hingewiesen.
Es gibt jedoch noch eine weitere Verzerrung der Lateralität, nämlich den Technologiewandel. Die ersten Handys, welche die Koffergeräte nach und nach ablösten, gab es überhaupt erst ab circa 1989, also circa 15 Jahre vor Abschluss der Interphone-Studien und circa 12 Jahre vor Abschluss der dänischen retrospektiven Langzeitstudie. Nur wer in den frühen 1990er Jahren selbst regelmäßiger Nutzer eines Handheld war, und wer sein Gerät damals wegen des Gewichts und des Volumens nicht in die Jacketttasche stecken konnte, sondern im Schulterhalfter tragen musste, der weiß, dass „Handy“ nicht von „handlich“ kommt, und nur der kann ermessen, dass damals die ergonomischen Grundlagen für die Lateralität des Mobiltelefongebrauchs gänzlich andere waren als die heutigen. Die Tastatur der ersten Handhelds, welche ab circa 1989 verfügbar waren, war groß und für die Bedienung mit dem Zeigefinger konstruiert. Rechtshänder bedienten die Tastatur daher meist mit dem rechtem Zeigefinger und hielten das Gerät dazu mit der linken Hand. Aufgrund des Gewichts wurde das Gerät von vielen Nutzern beim Sprechen kurz nach Gesprächsbeginn mit der meist kräftigeren und gewandteren rechten Hand ans rechte Ohr gehalten. Die Lateralität war daher in zahlreichen Fällen nicht einmal feststehend, sondern von der Gesprächsdauer abhängig.
Der Übergang zu leichteren und handlicheren Mobiltelefonen war fliessend. Ab 1997, das heißt drei Jahre nach Beginn der 10-Jahres-Periode der Interphone-Studien und fünf Jahre nach Beginn der dänischen retrospektiven Langzeitstudie gab es die ersten Handys, deren Ergonomie mit den heutigen vergleichbar waren, die also wesentlich leichter und kleiner waren als zuvor. Diese neuen Handys waren vor allem auch mit einer modernen Miniaturtastatur ausgerüstet, welche normalerweise nicht mehr mit dem Zeigefinger, sondern mit der Kante des Daumens derjenigen Hand bedient, welche auch das Handy hält.
Da viele Menschen beim mobilen Telefonieren die rechte Hand für andere Verrichtungen frei halten wollen, wird das Telefon auch bei längeren Gesprächen oft ans linke Ohr gehalten, und dieses ebenfalls von Menschen, welche die früheren schweren und unhandlichen Handhelds ans rechte Ohr hielten. Bei den heutigen kleinen und leichten Mobiltelefonen sind die Bedingungen und Grundlagen für die Lateralität gänzlich andere als bei den früheren schweren und unhandlichen Geräten, was gleichfalls die Lateralität nach Mitte der 1990er Jahre in sehr zahlreichen Fällen geändert haben dürfte, ohne dass dieses den Forschern berichtet wurde. Diese Lateralitätsänderungen wurden von den Interphone-Studien nicht oder nicht angemessen erfasst. Dass die frühen schweren und unhandlichen Mobilfunktelefone anders als die späteren leichten Geräte gehalten und bedient werden mussten, trifft für alle Nutzer zu, welche im Sinne der Interphone-Studien während mehr als zehn Jahren Mobilfunknutzer waren. Wenn eine lange Latenzzeit angenommen wird – worauf wir gleich zurückkommen werden – dann verliert die Lateralität den letzten Rest von Beweiskraft.
Die wohl sehr häufige nicht berichtete Änderung der Lateralität des Mobiltelefongebrauchs macht jede Aussage von Mobiltelefonbenutzern zur Frage, ob mehr als circa acht Jahre vor Beginn der Interphone-Studien ihre „Telefonhand“ die linke oder die rechte war, derart unzuverlässig, dass auch jede statistische Aussage, welche sich auf die Lateralität stützt, irreführend und unbrauchbar ist. Dass trotz dieser Umstände die Lateralität von Gliomen überhaupt sozusagen als Beweis für das Mobiltelefon als Krankheitsursache genommen wird, entspricht bei mehr als 8-jährigem Handygebrauch dem wohl fatalsten Irrtum der Interphone-Studien.
3. Längere Latenz- als Untersuchungszeit verhindert Risikoabschätzung
Als Modell für eine mögliche Latenzzeit wählen wir hier zehn bis 20 und mehr Jahre, in Analogie zu anderen Noxen (Schadeinflüssen) wie Tabak und Asbest. Die Latenzzeit könnte auch kürzer oder länger angenommen werden, wobei es aus den bisherigen epidemiologischen Studien keine Hinweise auf eine wesentlich kürzere Latenzzeit gibt – im Gegenteil. Wenn die Latenzzeit zehn bis 20 und mehr Jahre beträgt, dann ist für die Entwicklung der Prävalenz bzw. der tatsächlichen Erkrankungen eine logistische Kurve zu erwarten, welche sich 10 Jahre nach der ersten Exposition sanft und nahezu unmerklich von der waagerechten Grundlinie abzuheben beginnt, um erst danach steiler anzusteigen, und um sich später mit abnehmender Steigung einer waagerechten Sättigungsgeraden von unten anzunähern.
Wie bereits dargestellt, dauerten die 10-jährige Beobachtungsperioden der Interphone-Studien von 1994 bis Anfang 2004, und die der dänischen retrospektiven Langzeitstudie von 1992 bis 2002. Da der digitale Mobilfunk erst 1995 flächendeckend eingeführt wurde, war bei den Interphone-Studien der meiste Mobiltelefongebrauch, welcher acht und mehr Jahre vor Beginn der 10-Jahres-Periode stattfand, analog, und bei der dänischen retrospektiven Langzeitstudie war der meiste Gebrauch, welcher sechs und mehr Jahre vor Abschluss der Studie stattfand, ebenfalls analog. Wenn eine Latenzzeit von zehn bis 20 und mehr Jahren vermutet wird, dann ist der Untersuchungszeitraum aller Studien für die Feststellung eines Effekts von GSM-Strahlung auf die Entstehung von Gliomen um mindestens circa zwei bis vier Jahre zu kurz.
Bei einer angenommenen Latenzzeit von zehn Jahren könnte theoretisch, unter der Voraussetzung genügender Fallzahlen und angemessener Messgenauigkeit, zehn Jahre nach der ersten Exposition eine Erhöhung der Prävalenz von Gliomen überhaupt festgestellt werden, das heißt erst circa zehn Jahre nach dem flächendeckenden Beginn der GSM-Mobiltelefonnutzung im Jahre 1995 – praktisch jedoch, wie weiter unten zu sehen sein wird, erst wesentlich später.
Solange die Dauer der Datenerfassung der GSM-Mobiltelefonie kürzer ist als die Latenzzeit für Gliome kann nicht einmal theoretisch ein Risiko festgestellt werden.
4. Geringe Inzidenz erschwert Risikoabschätzung
Die Inzidenz bzw. das sozusagen natürliche Risiko, an einem Gliom zu erkranken, beträgt lediglich circa 6 jährliche Neuerkrankungen auf 100 000 Personen, bzw. 0,006 %, oder jährlich circa 5000 Personen auf 80 Mio. Einwohner.
Als Annahme für eine mögliche Inzidenz von Tumorerkrankungen aufgrund von GSM-Mobilfunkstrahlung wählen wir hier jährlich 25 Neuerkrankungen auf 100 000 Einwohner, unter der weiteren Annahme, dass von diesen praktisch alle ein GSM-Telefon nutzen. Eine solche spezifische Inzidenz von GSM-Mobiltelefonen entspräche 20 000 jährlichen Neuerkrankungen auf 80 Mio. Einwohner, oder 200 000 Neuerkrankungen in zehn Jahren. Diese Zahlen treten jedoch weit nach der Latenzzeit ein, nämlich wenn die logistische Kurve der spezifischen Prävalenz sich der Sättigungsgeraden genähert hat.
Bevor sich die Inzidenz in Form einer Prävalenz bzw. in Form tatsächlicher Neuerkrankungen erst einmal nur ankündigt und beginnt, mit statistischen Mitteln feststellbar zu werden, muss die Latenzzeit von zehn Jahren vergangen sein. Ist die Inzidenz klein und die Latenzzeit lang, dann dauert es lange, bis sich eine signifikante Veränderung der Prävalenz überhaupt einstellt, denn der Anstieg der Prävalenz ist am Beginn des Anstiegs bzw. nach Ablauf der Latenzzeit noch sehr flach. Das bedeutet mit anderen Worten, dass es im zehnten bis zwölften Jahr nach Beginn der Exposition bezogen auf 100 000 Einwohner vielleicht zwei zusätzliche Erkrankungen zu den „natürlich“ vorkommenden sechs Neuerkrankungen gäbe. Bei einer Population von 100 000 liegt das im Rahmen der Zufallsschwankungen. Bei einer Population von 80 Mio. entspräche dieses einer Zunahme gegenüber den 5000 natürlich vorkommenden Neuerkrankungen um 1600 durch GSM-Mobiltelefone verursachte Fälle. Der Anzahl 1600 liegt jedoch eine Marktsättigung mit GSM-Mobiltelefonen bereits im ersten Jahr zu Grunde. In Wirklichkeit war bei Beginn der GSM-Mobiltelefonie die Marktdurchdringung nahe Null und nicht wie heute nahe 100 %. Bei einer anfänglichen Marktdurchdringung von 10 % ergäbe sich nur noch eine Zunahme von den 5000 natürlichen Neuerkrankungen um 160 Fälle, bzw. um 3 %, also weit entfernt von wirklicher Signifikanz. Selbst wenn nach weiteren fünf Jahren eine signifikante Zunahme gemessen werden könnte – die Ursächlichkeit von GSM-Mobiltelefonen würde auch damit noch nicht feststehen, und noch viel länger keine spezifische Inzidenz.
Bei einer angenommenen mutmaßlichen Latenzzeit von zehn bis 20 und mehr Jahren wird ein mögliches Risiko von GSM-Mobiltelefonen frühestens circa 15 Jahre nach deren flächendeckender Einführung mit statistischen Mitteln überhaupt feststellbar. Das bedeutet, dass Wissenschaftler die Öffentlichkeit frühestens circa im Jahr 2010 über die erst dann mit einiger Gewissheit feststellbare Schädlichkeit von GSM-Mobiltelefonen informieren könnten.
5. Geringe Studiengrösse verzögert Risikomessung
Um bei geringer Inzidenz eine Änderung der Prävalenz genau messen zu können bedarf es eines großen beobachteten Bevölkerungsausschnitts. Unter den Annahmen, die Latenzzeit betrage zehn bis 20 und mehr Jahre, die spezifische Inzidenz betrage jährlich 25 Neuerkrankungen auf 100 000 Einwohner, und die Größe der untersuchten Kohorte sei 100 000 Personen, ist eine Änderung der sozusagen natürlichen Inzidenz von sechs um beispielsweise drei an der untersten Grenze zur Signifikanz. Ein solcher Anstieg um drei Erkrankungen könnte wohl auch erst circa drei Jahre nach Ablauf der Latenzzeit erfolgen, und auch nur unter der Voraussetzung einer Marktdurchdringung bereits im ersten Jahr des GSM-Mobiltelefongebrauchs. Wenn für das erste Jahr des GSM-Mobiltelefongebrauchs eine Marktdurchdringung von 10 % angenommen wird, dann wäre die anfängliche Zunahme nur 0,3 (!) Neuerkrankungen auf 100 000 Einwohner – und damit sehr weit entfernt von jeder Signifikanz.
Die geringe Mobiltelefonnutzung in den ersten Jahren nach der Einführung von GSM macht eine extreme Vergrößerung der erfassten Kohorte erforderlich, wenn der Beginn der Messbarkeit eines möglichen Anstiegs der Inzidenz von Gliomen nicht erst circa 20 Jahre nach der Einführung von GSM sein soll. Selbst die gesamte Bevölkerung Dänemarks von 5,5 Mio. Einwohnern würde anfänglich nicht ausreichen. Und bei einer weiteren Vergrößerung der Kohorte auf beispielsweise 80 Mio. Personen verbleibt der zunächst noch nicht feststellbare Beginn der Welle von Erkrankungen circa im Jahr 2008, und der messbare Teil der Welle beginnt auch unter dieser Voraussetzung zur Kohortengröße möglicherweise erst circa im Jahr 2011. Dabei wäre zu diesen Jahreszahlen zu addieren, dass es bei den bisherigen Interphone-Studien von der Beendigung der Datenerfassung bis zur Veröffentlichung des Berichts weitere zwei Jahre dauerte. Und selbst wenn ein signifikanter Anstieg festgestellt würde, wäre damit nicht gleichzeitig ebenfalls die Kausalität eines solchen Anstiegs nachgewiesen.
Prospektive Kohortenstudien mit Gruppen von Nutzern und Nichtnutzern (beispielsweise von Rauchern und Nichtrauchern) sind grundsätzlich die sicherste Methode, um eine vermutete Inzidenz so zuverlässig zu messen, dass aus der Statistik sozusagen Beweiskraft für die vermutete Ursächlichkeit erwächst. Die im Jahr 1951 gestartete englische Kohortenstudie von Dr. Richard Doll zur spezifischen Inzidenz von Krankheiten aus dem Tabakrauchen wurde erst im Jahr 2001 abgeschlossen.
Zur Mobiltelefonstrahlung wurde einst ein Set von fünf prospektiven Kohortenstudien geplant, und zwar in fünf Ländern mit je 10 000 Personen, also mit insgesamt 50 000 Personen. Wenn wir sehen, dass zur frühzeitigen Prüfung unserer Annahmen selbst 100 000 Personen bei weitem zu wenig wären, dann stimmt es um so trauriger, dass der deutsche Teil der Kohortenstudie bereits vor seinem Beginn am Geldmangel scheiterte, und dass dadurch ebenfalls der Nutzen der restlichen Kohortenstudien stark beeinträchtigt wird, indem die Länder übergreifende Gesamtkohorte noch kleiner wird.
Der Beginn der großen Welle mit jährlich 20 000 Neuerkrankungen aufgrund von GSM-Mobiltelefonen auf 80 Mio. Einwohner wäre erst circa im Jahr 2012 feststellbar. Bei Annahme eines durchschnittlichen Schadens von 1 Mio. Euro pro Fall fiele alljährlich ein Schaden von 20 Mrd. Euro an – eine Summe, welche sich der Versicherbarkeit allein durch ihre Höhe entzieht.
6. Nicht sachgerechte Abgrenzung verhindert Risikohochrechnung
Es ist schwierig genug, das spezifische Risiko von Mobiltelefonen aus der Entwicklung der Fallzahlen bzw. der Prävalenz zu extrahieren: Die Latenzzeit und die Inzidenz möglicher mobilfunkspezifischer Tumoren sind Unbekannte. Die Aufgabe auch nur annäherungsweise zu lösen wird unmöglich gemacht, wenn die einzelnen Typen von Gliomen nicht getrennt erfasst werden. Zahlreiche Kritiker haben diese Problematik thematisiert.
Aber dieses spielt hier keine entscheidende Rolle, denn die oben diskutierten Gründe reichen bereits aus, um zu verunmöglichen, dass aus den erfassten Daten eine Aussage über das Risiko abgeleitet werden könnte, aufgrund von GSM-Nutzung an einem Gliom zu erkranken. Zum Abschluss soll nur noch kurz an zwei von anderen Kritikern genannte, besonders lebensfremde Abgrenzungen zwischen Nutzern und Nichtnutzern erinnert werden, welche den Wert der erfassten Daten bis zur Unbrauchbarkeit mindern.
Zum Ersten galt bei den Interphone-Studien selbst homöopathischer Mobiltelefongebrauch noch als Gebrauch, nämlich lediglich 1 Gespräch pro Woche. Wer kennt in seinem eigenen Umfeld überhaupt noch eine Anzahl Mitmenschen, in deren jeweiliger unmittelbarer Nähe nicht täglich zahlreiche Mobiltelefongespräche geführt werden? Entspricht vielleicht die Strahlendosis eines einzigen selbst geführten Gesprächs pro Woche nicht bereits der Strahlendosis, welcher ein Mobilfunkabstinent durch häufige Telefonate seiner Verwandten, Bekannten, Kollegen, Tisch- und Banknachbarn in seiner unmittelbaren Umgebung ausgesetzt ist? Nicht nur vor diesem Hintergrund kann gesagt werden, dass ein einziges Mobiltelefongespräch pro Woche praktisch so wenig ist wie gar kein Gespräch. Bei der kritisierten Definition „Nutzer = mindestens ein Gespräch pro Woche“ ist die Grenze zwischen Mobilfunknutzer und Nichtnutzer vollends verwischt.
Zum Zweiten hat die dänische retrospektive Langzeitstudie die frühesten Viel-Telefonierer unter der Mobilfunknutzern der Gruppe der Nichtnutzer zugeordnet; dieses wird hier erwähnt, obschon es sich um heute nicht mehr relevanten analogen Mobilfunk handelte, und zwar aus dem Grund, weil nämlich die Autoren der Studie für ihre Auswertungen den analogen Mobilfunk zum digitalen einfach addierten. In den Anfangszeiten des Mobilfunks waren die häufigsten Nutzer geschäftliche Nutzer. Ihre damals sehr teuren Geräte und Abonnemente wurden auch aus steuerlichen Gründen nahezu ausnahmslos auf eine Firma eingelöst. Weil bei Firmenabonnementen der einzelne Nutzer nachträglich nicht mehr bestimmt werden konnte, obwohl er als Vielnutzer für die Statistik besonders interessant wäre, und weil er ebenfalls nicht aus der Grundgesamtheit ausgeschlossen werden konnte, wurden zwangsläufig 200 000 geschäftliche Vielnutzer der Gruppe der Nichtnutzer zugeordnet, wo sie heute noch die Statistik verfälschen.
Selbst wenn es in den kritisierten Studien keine Probleme bezüglich langer Latenzzeit, unsicherer Lateralität, geringer Inzidenz und geänderter Art der Strahlung gegeben hätte, wäre eine brauchbare Hochrechnung des Risikos wegen mangelhafter Erfassung und Abgrenzung von Nutzern und Nichtnutzern sowie der einzelnen Krebs- und Gliomarten unmöglich (24.02.07/W. Kuhn).
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